Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ragnar Vogt: Plethysmographische Untersuchungen bei Geisteskrankheiten. Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie (Nov.), 1902
Person:
Schultze, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33221/1/
Literaturbericht. 
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ratlos, läfst ihn nahendes Unheil ahnen. Der Kranke achtet aufmerksamer 
denn je auf Vorgänge der Aufsenwelt oder beobachtet eifriger seine eigenen 
Störungen, und je nachdem bilden sich krankhafte Eigenbeziehungen zur 
Aufsenwelt oder hypochondrische Vorstellungen. Im ersteren Falle ent¬ 
steht bald ein fehlerhaftes Urteil, indem der Kranke seiner Umgebung ein 
nicht vorhandenes Interesse und Wissen zuschreibt, und damit hat sich 
schon sein Verhältnis zur Aufsenwelt verschoben. Es kommt dann zu 
fortschreitender Wahnbildung oder unter Nachlafs der krankhaften Affekte 
zu einer Korrektur der Wahnvorstellungen, zu einer Genesung, die nach 
Verf. gar nicht so selten ist, wie man vielfach annimmt. Meist freilich 
geht die Wahnbildung weiter und nimmt eine bestimmte Richtung ein. 
Der Affekt verliert den Charakter unbestimmter Unruhe und wird umge¬ 
wertet in den der Angst oder des Mifstrauens. Die Paranoia mit Vorwiegen 
der Angst zeigt eine mehr phantastische Form, während unter dem Einfluf» 
des Mifstrauens die Wahnbildung dauernd oder doch lange Zeit in gewissen 
logischen Grenzen bleibt. Auch jetzt noch, im Stadium des Verfolgungs¬ 
wahns, kann Heilung eintreten. Das ursprüngliche, den Affekt auslösende 
Ereignis tritt immer mehr an Bedeutung zurück. Ein allgemein gültiger 
Gesichtspunkt, der die Entwicklung der Gröfsenideen erklärt, läfst sich 
nicht ermitteln. Ernst Schultze ( Andernach). 
F. Tuczek. Geisteskrankheit und Irrenanstalten. Sechs gemeinverständliche 
Vorträge. Marburg, N. G. Eiwert, 1902. 
Nach Form und Inhalt für die weitesten Kreise bestimmte, recht 
empfehlenswerte Vorträge über das Wesen der Geistesstörung ihre Symp¬ 
tomatologie, rechtliche Bedeutung und Behandlung. Ernst Schultze. 
Ragnar Vogt. Plethysmographische Untersuchungen bei Geisteskrankheiten. 
Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie (Nov.), 1902. 
Die zahlreichen Pulsveränderungen, in denen sich die wechselnden 
seelischen Zustände abspiegeln, können als objektive Zeichen für diese Vor¬ 
gänge nicht hoch genug angeschlagen werden. 
Die Pulsfrequenz steigt unter der Einwirkung des Schreckes, überhaupt 
bei gemütlicher Erregung. Ein Traumatiker hatte in der Ruhe 80—90, 
bei zornmütiger Erregung 120—130 Pulsschläge; ähnliches gilt auch von 
der paranoiden Demenz, ohne dafs Zeichen motorischer Erregung aufzutreten 
brauchen. Aufsere Eindrücke erhöhen bei manischen Kranken leicht die 
Pulsfrequenz, ebenso oft die Verrichtung leichter körperlicher Arbeit bei 
dementen Kranken. 
Genauere Untersuchungen ermöglicht der IjSHMANNSche Plethysmo¬ 
graph, der eine praktische Modifikation des Mossoschen Apparates darstellt. 
Die plethysmographischen Kurven zeichnen bekanntlich die Volums¬ 
veränderung des Armes auf; diese sind bedingt durch die Pulsschläge und 
die Respiration, indem das Armvolumen bei Inspiration sinkt, bei Exspi¬ 
ration steigt. Daher bedarf es noch der Aufzeichnung der Atmungskurve 
mittels eines Pneumographen. 
Steile spontane Senkungen der Kurve sind Folge von auftauchenden Wahr¬ 
nehmungen oder Gedanken ; gleichmäfsige Volumschwankungen hängen mit
        

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