Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
F. Paulham: La simulation dans le caractère. II. La fausse sensibilité. Rev. philos. 53 (5), 457-488. 1902
Person:
Giessler
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33215/1/
Li ter a turb er ich t 
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«chliefslich emotionellen Wert. Oder sie verbinden sie in der Weise, dafs 
■dieselben ihren bestimmten Sinn verlieren und etwas Mysteriöses zum Aus¬ 
druck bringen. Oder sie gebrauchen veraltete Worte. Die Werke der 
Symbolisten zeigen veränderliche Dispositionen, momentane Synthesen, 
flüchtige Reihen von Seelenzuständen von Eindrücken, welche nicht unter¬ 
einander verbunden sind. 
Drittens gehört auch der Mystizismus, und zwar der metaphysische 
und poetische hierher. Der Mystizismus ist gekennzeichnet durch das 
Wachsen des inneren Lebens und den Verzicht auf die weltlichen Interessen. 
Hierbei finden Irradiationen der Einbildungskraft statt, nach 3 Richtungen 
hin : sensoriell als visuelle und akustische Halluzinationen, organisch als 
Modifikationen des organischen Lebens, welche zerstörend oder heilend 
■wirken und rein psychisch als Schilderungen der hauptsächlichsten reli¬ 
giösen Ereignisse, des Lebens der Heiligen u. s. w. Letztere Schilderungen 
sind mehr oder weniger „Transfigurationen der Liebe“, sentimentale 
Träumereien. Das Leben solcher Mystiker ist wie ein poème vécu. Offen¬ 
bar gehören diese romans d’amour der Mystiker zu der affektiven Ein¬ 
bildung. 
Wir können noch weiter zurückgehen. Auch das gewöhnliche Leben 
bietet affektive Schöpfungen: Die Träume eines Liebenden, die krank¬ 
haften Romane Hypochondrischer über ihre Leiden und Ähnliches. 
Giessler (Erfurt). 
E. Paulham. La simulation dans le caractère. IL La fausse sensibilité. Rev. 
philos. 53 (5), 457—488. 1902. 
Die Charakterologie gehört zu denjenigen Zweigen der Wissenschaft, 
welche am langsamsten vorwärts schreitet. Es hat dies darin seinen Grund, 
■dafs die bezüglichen Forschungen eine genauere Menschenkenntnis und 
•daher eine häufigere und innigere Berührung mit Menschen aller Art er¬ 
fordern, wozu die meisten Stubengelehrten nicht neigen. Eine rühmliche 
Ausnahme hiervon macht Paulham. Er hat der Charakterologie schon 
manche feine Studie geliefert, -wobei er sich auf umfassendes Beobachtungs- 
material zu stützen pflegt. 
Verf. stellt in der vorliegenden Folgeabhandlung dem „falschen Kalt¬ 
blütigen“ den „falschen Empfindlichen“ gegenüber. Jener simuliert In¬ 
differenz, dieser Empfindlichkeit. Die erdichtete Empfindlichkeit hat als 
Grundlage die Sorge für die persönliche Verteidigung. Die Empfindungen 
•der Umgebung nicht zu teilen, ist eine mifsliche Sache. Man ist daher oft 
genötigt, in den Augen anderer Personen Gefühle zu heucheln, -welche man 
in Wirklichkeit nicht hat. Durch solche Lügen und Täuschungen hält sich 
.aber die Gesellschaft. Bisweilen glaubt man die eingebildeten Gefühle 
wirklich zu haben. Dies kann so weit gehen, dafs jemand, der sich für 
mutig oder für freigebig hält, sich in Wirklichkeit wie ein Feigling oder 
iwie ein Geizhals benimmt. In solchen Fällen hat sich die Seele gleichsam 
geteilt. Die Elemente, welche in einem gegebenen Momente die Seele be¬ 
herrschen, sind in z-wei Gruppen geteilt, von denen die eine die Seele und 
•das Benehmen -weiter dirigiert, die andere sich vorgefafsten Ideen assoziiert 
hat, um im Ich die Mifstöne wegzuschaffen.
        

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