Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aug. Diehl: Zum Studium der Merkfähigkeit. Eine experimental-psychologische Untersuchung. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Aug. Forel. Berlin, Karger. 1902. 39 S.
Person:
Schultze, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33212/1/
Literaturbericht. 
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Aug. Diehl. Zum Studium der Merkfähigkeit. Eine experimental-psycho- 
- logische Untersuchung. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Aug. Foeel. 
Berlin, Karger. 1902. 39 S. Mk. 1. 
Die Versuchsanordnung des Verf.s in der vorliegenden, sehr inter¬ 
essanten Studie bezweckte, klar zu sehende, einfache Reize genügend 
lange dem Beobachter vorzuführen; als solche Gesichtsreize dienten ein- 
und zweistellige Zahlen, die Stellung eines Lineals, die Richtung der 
Öffnung eines Winkels, sowie schliefslich Farbe und Gestalt einfacher 
Flächen. In einer Reihe von Versuchen sollen die Versuchspersonen sich 
keine Mühe geben, an den Reiz zu denken; in einer anderen Reihe sollen 
sie mit Aufwand aller Kräfte die aufgefafsten Reize im Gedächtnis be¬ 
halten. Die Zeit zwischen Auffassungs- und Erinnerungstag war ver¬ 
schieden grofs. 
Aus den Versuchen ergab sich, dafs die individuelle Leistungsfähigkeit 
des Gedächtnisses recht verschieden ist, je nachdem ob Zahlen, die Stellung 
des Winkels oder Lineals oder Farben behalten werden sollen. Auch das 
Lebensalter scheint bei dieser Abhängigkeit des Erinnerungsvermögens von 
dem jeweiligen Inhalte beteiligt zu sein. Eingehend wurde das persönliche 
Gefühl der Sicherheit oder Unsicherheit berücksichtigt. Bietet eine 
Person viele Auslassungen, macht sie aber nur wenige oder gar keine un¬ 
sicheren Angaben, so spricht dies für Vorsicht. Die Unzuverlässigkeit der 
Erinnerung gibt sich kund in der Zahl der falschen Angaben unter den 
als sicher empfundenen. Das Individuum wird um so vorsichtiger, je mehr 
seine Erfahrung es die Mängel des Gedächtnisses hat kennen lernen lassen. 
Bei verschiedenen gleichartigen Eindrücken ist die Erinnerung für den 
ersten Eindruck lebhafter als für den zweiten. Ist einmal eine gewisse 
Aufgabe dem Gedächtnis gestellt, so leidet das Erinnerungsvermögen nicht 
unter allen Umständen durch die Verlängerung der Zeit, nach welcher die 
Reproduktion erfolgen soll. Sehr interessante Resultate lieferte die un¬ 
erwartete Kontrolle eines Materials, das nach seiner Fixierung und Nach¬ 
prüfung bereits dem Vergessen anheimgestellt war; es fand sich nämlich 
eine noch gute Reproduktionsmöglichkeit, ein geringes Gefühl der Unsicher¬ 
heit und eine Berichtigung früher falsch gemachter Angaben. Viele Fehler 
entstehen insbesondere durch Nachwirkung früherer Eindrücke, eine Fehler¬ 
quelle, die sich ausgleicht durch längere Zeit. 
Was von besonderer Wichtigkeit ist, das ist der Umstand, dafs dem 
Gefühle der subjektiven Sicherheit gar wenig Bedeutung beizumessen ist. 
Diese Ergebnisse sind von gröfster Bedeutung für die Wertung von 
Zeugenaussagen. Resigniert, aber zutreffend äufsert der Verf., dafs über 
den wahren Wert von Erinnerungen nicht eher geurteilt werden kann, bis 
durch mühsame Forschungen auf dem Gebiete des Gedächtnisses mehr 
Licht in das Dunkel dieser Erscheinungen getragen ist. 
Schon die bisher erzielten Ergebnisse experimenteller Forschungen 
wie eigene unparteiische Beobachtungen, die jeder kritisch Denkende an 
sich selber machen kann, sollten den Richter zur äufsersten Vorsicht bei 
der Vernehmung von Zeugen und bei der Verwertung ihrer Aussagen 
mahnen. So wenig neu diese Mahnung ist, so wenig wird sie in die 
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