Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
J. Cl. Kreibig: Psychologische Grundlegung eines Systems der Werttheorie. Wien, Alfred Hölder 1902. 204 S.
Person:
Ameseder
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33207/2/
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Literaturbericht. 
weit, da für die Werttatsache nicht Gefühl schlechtweg, sondern nur ein 
Spezialfall von Gefühl konstitutiv ist. 
Des Verf. Stellungnahme gegen Meinongs Wertdefinition rührt wohl 
allem Anscheine nach von einem Mifsverständnis her. Das Charakteristische 
der letzteren liegt in der Bezugnahme auf eine bestimmte Art von Ge¬ 
fühlen, die Urteilsgefühle, und dagegen wendet sich Verf. mit den Worten: 
„Wir glauben nicht, dafs das primäre Urteil die Voraussetzung oder Ur¬ 
sache des Wertgefühles sei, sondern dafs es das Korrellat des Wertgefühles 
auf der Denkgrundseite des Phänomens bedeute“ (13). Nun meint aber 
Meinung gar nicht Kreibigs primäres Urteil mit seiner Gefühlsvoraussetzung, 
sondern ein noch primäreres s. v. v. Kreibigs primäres Werturteil ist (8) 
„eine positive Wertschätzung auf der Denkgrundseite des psychischen 
Phänomens“ und hat also die Form: 0 hat Wert (für mich). Es schliefst 
sich, wie Verf. selbst bemerkt, an das „Fühlen des gegebenen Inhaltes an“ 
— und tatsächlich kann ich zu diesem Urteil ja nur kommen, wenn ich das 
Wertgefühl erlebt habe — es ist also dem Wertgefühl nachgegeben. 
Dagegen ist ein anderes Urteil — kein Wert- sondern ein Urteil schlecht¬ 
weg — jedem Wertgefühl notwendig vorgegebenen und dieses nimmt 
Meinong wohl mit Recht als Voraussetzung in Anspruch. Das Urteil „0 
ist“ (z. B. mein Freund lebt) ist unerläfslich, damit ich mich über das 0 
freuen kann ; glaube ich nicht, dafs 0 existiert, dann kann es gar nicht 
zum Werthalten kommen — und die Abhängigkeit des Gefühles von diesem 
Urteil zeigt sich noch weiterhin, indem die Gefühlsqualität umschlägt, so¬ 
bald das Urteil seine Qualität ändert, sobald ich also glaube, dafs 0 
nicht ist. 
Wenn nun in diesem Punkt die ablehnende Haltung des Verf. gegen 
die erwähnte Definition blofs auf einer Verwechslung des der Werthaltung 
vorgegebenen Urteils mit dem „primären Werturteil“ beruht, geht sie 
andererseits doch auf eine viel grundsätzlichere Divergenz zurück. Kreibig 
unterscheidet nämlich nicht zwischen Wertgefühl und Gefühl schlechtweg, 
beide Tatbestände sind ihm identisch. Eine Aufserlichkeit wäre die Frage, 
warum er dann doch noch den Ausdruck „Wertgefühl“ beibehält und nicht 
konsequent blofs von Gefühlen spricht. Wichtiger aber scheint mir zu be¬ 
tonen, dafs es innerhalb der Gefühle deutlich (u. zw. nach ihren Voraus¬ 
setzungen) gesonderte Klassen gibt, von denen eine — nämlich die der 
Urteilsgefühle zum Wertphänomen denn doch in einer wesentlich anderen 
Relation steht, als die übrigen. 
Kein Gefühl kann — wie sich leicht induzieren läfst ■- vorhanden 
sein, ohne dafs es einen ihm (wenn auch nicht zeitlich) vorgegebenen in¬ 
tellektuellen Tatbestand, eben seine Voraussetzung gäbe. Einmal ist diese 
eine Vorstellung (oder Annahme) ein andermal ein Urteil. Die Annehmlich¬ 
keit des Geschmackes einer Frucht ist nicht möglich ohne die Empfindung 
des Geschmackes, die Freude über eine Botschaft nicht ohne ein Glauben 
dessen, was die Botschaft besagt. Die Annehmlichkeit des Geschmackes 
konstituiert nun gewifs den Wert der Frucht mit; aber gesetzt auch, sie 
reichte dazu allein aus, so erfasse ich den Wert der Frucht doch auch 
seiner Gefühlsseite nach nicht, wenn ich das sinnliche Gefühl des Wohl-
        

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