Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
R. Hamann: Das Symbol. Diss. Berlin 1902. 32 S. Gräfenhainichen, Hecker. 1902
Person:
Kalischer, Edith
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33182/1/
Literaturbericht. 
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Das innere Leben hat allmählich seinen religiösen Charakter verloren 
und sich anderen Zweigen zugewendet, der Philosophie, Kunst, Poesie, dem 
Optimismus und Pessimismus. Die religiöse Empfindung ist in die Literatur, 
in die Kunst, in das soziale Leben übergegangen. Hierbei wechseln nur 
die Bilder, nicht aber die Grundlage der Empfindung. 
Der Mystiker, welcher ausschliefslich auf das Glück des Individuums 
ausgeht, ist insofern dem Sozialen gefährlich. Jedoch könnte es nach Verf. 
leicht dahin kommen, dafs der Mystizismus von neuem erstarkte, dafs er 
bei der so grofsen Zahl der heutzutage infolge des Überhandnehmens der 
Menschen zur Untätigkeit Verurteilten festen Fuis fafste. Wir hätten dann 
Laienklubs mit mönchischem Charakter. Ja, man kann sogar behaupten, 
dafs das mystische Leben virtuell noch existiert. Es ist ein zu notwendiger 
Bestandteil unserer Natur. Die Sinne können die vielen Eindrücke, welche 
endlos auf uns einstürmen, nicht allein bewältigen. Hier mufs die Mystik 
eintreten. 
Wir haben bei der Entwicklung des religiösen d. h. mystischen Lebens 
zwei Reihen zu unterscheiden : die absteigende beginnt mit der Traurigkeit 
und reicht bis zur Verzweiflung, die aufsteigende vom Gefühl der Glück¬ 
seligkeit bis zur Ekstase. Die Ekstase bleibt, auch wenn die Pforten der 
Sinne geschlossen werden. Alsdann ist die Seele ganz Gefühl geworden, 
Glückseligkeit ohne Ende, ein Nicht-Ich in seiner verwirrten Totalität, 
direktes Besitzergreifen von Gott. — 
Indem Verf. behauptet, dafs das religiöse Gefühl einen Bestandteil des 
gesunden Geistes bilde, sagt er damit nichts Neues. Es ist schon ver¬ 
schiedentlich betont worden, dafs die wahrhafte Harmonie der Seele auch 
die geklärte Beziehung zur Weltseelefnicht entbehren kann. Dieses Gefühl 
bezeichnet eine tiefere Gemütsanlage und kann sehr wohl ein gesundes 
sein, es kann jedoch in krankhafter Weise ausarten. Die Anlage zur Ent¬ 
artung liegt in seiner Tiefe begründet. Giessleu (Erfurt). 
R. Hamann. Das Symbol. Diss. Berlin 1902. 32 S. Gräfenhainichen, 
Hecker. 1902. 
An einem überaus reichen Tatsachenmaterial aus dem politischen und 
sozialen Leben, aus sprachlichem, religiösem und philosophischem, ästheti¬ 
schem und ethischem Gebiet, sucht Verf. Wesen und Bedeutung der 
Symbolschöpfung und der symbolischen Auffassung klarzulegen. Das 
Symbol wird charakterisiert als eine Ersatzvorstellung, welche Wirkungen 
ausübt, als deren Träger nicht sie selbst, sondern die symbolisierte Vor¬ 
stellung angesehen wird. Eine an sich unbedeutende Vorstellung gewdnnt 
Bedeutung, wenn sie, durch symbolische Auffassung, an Stelle einer anderen 
bedeutenden Vorstellung gesetzt wird. Sobald aber dieser Vorstellung die 
so gewonnene Bedeutung selbst zugeschrieben wird und demgemäfs die 
Reaktionen sich auf sie selbst, nicht mehr auf die durch sie symbolisierte 
Vorstellung richten, hört sie auf, symbolisch zu sein. „Wo die Ersatzvor¬ 
stellung durch die symbolische Anschauung ihre stellvertretende Funktion 
erhielt, da mufs diese Anschauung auch wieder in Kraft treten, um jene 
Reaktionen zu verhindern“ (S. 21). Aus dieser Mittelstellung des Symbols, 
gleichsam zwischen Sein und Nichtsein, wird seine doppelte Bedeutung
        

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