Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A. Godfernaux: Sur la psychologie du mysticisme. Rev. philos. 53 (2), 158-170. 1902
Person:
Giessler
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33181/1/
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Literaturbericht. 
einem tieferstehenden, der gesiegt hat — und nennen dementsprechend 
den siegenden Willen die Handlung in geringerem Grade uns zugehörig, 
zurechenbar als den entgegenstehenden. Das veranlafst den Verf., die 
verschiedenen Fälle zu betrachten, in denen zwischen höherem bezw. 
niedrigerem Grade der Zugehörigkeit von Handlungen unterschieden wird. 
Er findet, dafs eine Handlung A bezw. ihre Vorstellung als in höherem 
Grade oder mehr uns zugehörig beurteilt wird, wenn wir sie gegenüber 
einer widersprechenden Vorstellung B festzuhalten vermögen, weiterhin, 
wenn A mit Rücksicht auf unser seelisches Ganze uns mehr, dauernder be¬ 
friedigt als B, wenn A als Ergebnis einer überlegenden Wahl erscheint 
und B nicht, wenn A unter einen allgemeineren, umfassenderen Grundsatz 
fällt als B, endlich wenn A unseren weiterreichenden, allgemeineren 
Interessen mehr dient als B. Das sind die Gründe, die uns bestimmen, 
eine Handlung uns in höherem Mafse zuzurechnen als eine andere gegen 
sie streitende. M. Offner (Ingolstadt). 
A. Godfernaux. Sur la psychologie du mysticisme. Rev. philos. 53 (2), 
158-170. 1902. 
Die vorliegende Abhandlung bietet eine Reihe geistreicher Bemerkungen 
über den Mystizismus. Angeregt durch die Arbeiten von Pacheu und 
Murisier unterzieht Verf. zunächst die letzteren einer Kritik. Es handelt 
sich dabei um die Fragen, ob das Mystische ein gesunder oder krankhafter 
seelischer Zustand ist, ob es teilweise oder ganz mit dem religiösen Gefühl 
zusammenfällt und ob man in Mystischen den beständigen Begleiter jedes 
Gedankens anzunehmen hat. 
Pacheu unterscheidet einen wahren und einen falschen Mystizismus, 
Murisier das individuelle religiöse Gefühl, dessen krankhafter Typus die 
Ekstase bildet, von dem sozialen religiösen Gefühl, welches in Fanatismus 
ausarten kann. Nach Verf. hat das religiöse Gefühl seine gesunden und 
krankhaften Formen, wie die Übergänge vom Gesunden zum Kranken dem 
Seelischen überhaupt eigentümlich sind, und ein vollständig gesunder Geist 
überhaupt nicht vorkommt. Auch nach Verf. ist die Ekstase die typische 
Form des individuellen religiösen Gefühls. Jeder, der religiös empfindet, 
ist ein Ekstatiker von bestimmtem Grade. Jedoch mufs man hierbei der 
positiven Ruhe auch die hinabsteigende hinzufügen bis zum melancholischen 
Stupor. Die Alienisten Schule und Magnan unterscheiden Psychosen des 
gesunden und kranken Gehirns. Macht man diese Einteilung, so gehört zur 
ersten Gruppe die wirkliche Ekstase als einfacher Exzefs, zur zweiten Gruppe 
die falsche, welche von Visionen und körperlicher Unruhe begleitet ist. 
Also das individuelle religiöse Gefühl wird zum krankhaften Exzefs in der 
Ekstase, im übrigen kann es als Mystizismus einen Bestandteil des gesunden 
Geistes bilden. 
Das mystische Leben enthält eine Art von verborgenen Relationen, 
welche von unseren Sinnen nicht erfafst werden können. Wir nehmen 
durch das mystische Leben direkt ohne Vermittlung der Vernunft am uni¬ 
versellen Leben teil. Bei vielen Menschen wird es jedoch durch die Praxis 
übertönt. Im Gegenteil hierzu liegen für andere in der Mystik sogar seelische 
Heilmittel bei bestimmten seelischen Affektionen.
        

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