Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
F. Paulhan: La simulation dans le caractère. Le faux impassible. Rev. philos. 52 (12), 600-625. 1901
Person:
Giessler
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33177/1/
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Literaturberich t. 
Von einem pathologischen Charakter können wir dann reden, wenn 
diese Eigenschaften in ihrer Zahl, Stärke oder in ihrem Verhältnis zu¬ 
einander durch die Krankheit irgendwie verändert sind. 
Moskiewicz (Breslau). 
F. Paulhan. La simulation dans le caractère. Le faux impassible. Rev. philos. 
52 (12), 600-625. 1901. 
Der Mensch hat oft Interesse daran, dafs sein wahrer Charakter nicht 
zum Vorschein kommt. Er heuchelt dann mit Willen und Bewufstsein 
oder nur instinktiv und ohne sich davon Rechenschaft zu geben, Eigen¬ 
schaften oder Fehler, welche er in Wirklichkeit nicht oder doch nur in ge¬ 
ringem Mafse besitzt. 
Es gibt 2 Formen, erstens die Dissimulation, welche Charakterzüge 
erscheinen läfst, entgegengesetzt der Tendenz, welche man zu verbergen 
sucht, zweitens die Simulation, bei welcher es sich um die Nachahmung 
einer Tendenz handelt, welche in Wirklichkeit nicht existiert. Erstere ist 
vorherrschend defensiver, letztere vorherrschend aggressiver Natur. 
Die erheuchelte Kaltblütigkeit d. h. die Verbindung einer sehr leb¬ 
haften Empfindlichkeit mit einer scheinbaren Kälte bildet eine der häufig¬ 
sten Assoziationen innerhalb des Charakters. Man verheimlicht die innere 
Erregung, indem man eine ruhige Miene annimmt. Die Affektion würde 
unsern Feinden eine wunde Stelle verraten. 
Oft rüsten wir uns mit Kaltblütigkeit, um die Unbill des Lebens nicht 
so sehr zu empfinden. 
Ein Mensch, bei welchem das innere Leben vorwiegt, neigt zur Kalt¬ 
blütigkeit. Denn das innere Leben schliefst Tendenzen zur Beobachtung, 
zur Analyse, zur Prüfung und zur Kritik in sich, welche sich direkt mit 
der Gewohnheit zu inhibieren wieder verbinden, sie begünstigen und daher 
nützlich sind für das allgemeine Unterdrücken der Gefühlsbezeugung. 
Eine besonders ausgebildete Eigenliebe ist der Selbstbeobachtung 
günstig. Verf. sieht daher in der Verbindung von Empfindsamkeit und 
Eigenliebe einen günstigen Boden für das Zustandekommen der erheuchelten 
Kaltblütigkeit. Oft verbirgt sich unter der Bescheidenheit ein gut Teil 
Eigenliebe. 
Jeder Mensch hat seine spezielleren „Empfindlichkeiten“. Bisweilen 
ist es ein besonderes Gefühl, welches man zu verhehlen wünscht. Die er¬ 
heuchelte Kaltblütigkeit ist dann nur partiell und ist keine allgemeine 
Richtung des Geistes. Andere Male ist es weniger die Furcht geschädigt 
zu werden, als vielmehr die Scham, unsere Gefühle zu äufsern, da dieselben 
unserem Alter oder Geschlecht nicht angemessen sind. In andern Fällen 
ist es die Furcht des Betreffenden, Personen der Umgebung, welche er 
schätzt, durch Äufserungen seiner Gefühle dem Gespött oder den Angriffen 
der Welt preiszugeben. 
Die Furchtsamkeit ist eine der sekundären Eigenschaften der er¬ 
heuchelten Kaltblütigkeit. Sie assoziiert sich letzterer. Oft begegnet man 
bei der erheuchelten Kaltblütigkeit einem guten Mals von Sensibilität, 
welches aber seltener zum Durchbruch gelangen kann, da die für sein 
Hervortreten geöffneten Wege an Zahl gering sind. Solche Individuen
        

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