Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Paul Tesdorpf: Über die Bedeutung einer genauen Definition von Charakter für die Beurteilung der Geisteskranken. IV. Internationaler Kongreß für Psychologie, Paris 1900
Person:
Moskiewicz
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33176/1/
Literaturbericht. 
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grofs wie bei visuellen. Vergleicht man den monatlichen Wechsel in den 
qualitativen und formalen Ergebnissen, so erfährt man, dafs die Neigung 
zu phantasiemäfsigem Ergänzen wächst umgekehrt proportional den Höhen 
der Aufmerksamkeits- und Gedächtnisentwicklung. 
Und die praktischen Konsequenzen für die Pädagogik? Eine ihrer 
elementarsten Aufgaben ist offenbar die: Arbeitskraft des Zöglings und 
Arbeitsforderung durch den erziehenden Unterricht so zueinander in Ver¬ 
hältnis zu setzen, dafs sie sich gegenseitig entsprechen. Untersuchungen 
wie die vorliegenden wTeisen nach, wann man gesteigerte Leistungen zu er¬ 
warten berechtigt und verpflichtet ist. Die Hauptarbeitszeit ist die vom 
Dezember bis zum April. Nach dem April ist eine Erholungszeit nötig, 
wie auch im Juli und im Oktober. In allen Monaten mit abwärts ge¬ 
richteten Kurven sind die Unterrichtspausen zu verlängern, die An¬ 
forderungen herabzumindern. Die Untersuchungen über die phantasie- 
mäfsige Ergänzung der Reihen zeigen, wann der Zögling besonders aufgelegt 
scheint zu memorieren, wann er immer wieder abirrt von den gewiesenen 
Reihenreproduktionen. 
Die Untersuchungen wollen keineswegs diese praktischen Ergebnisse 
als vollerwiesen hinstellen, sondern nur zu einer umfänglichen und sorg¬ 
fältigen Nachprüfung unter mancherlei verschiedenen Verhältnissen anregen. 
Lob sien (Kiel). 
Paul Tesdorpf. Über die Bedeutung einer genauen Definition von Charakter für 
die Beurteilung der Geisteskranken. IV. Internationaler Kongrefs für 
Psychologie, Paris 1900. 
Es ist für den Psychiater unbedingt notwendig, sich über das Wesen 
dessen, was wir Charakter nennen, klar zu werden; denn alsdann erst ist 
es ihm möglich, zu einer Reihe wichtiger klinischer Fragen Stellung zu 
nehmen, ob z. B. krankhafte Symptome durch die Geisteskrankheit selbst 
erst erworben sind, oder ob sie sich auf bestimmte Charaktereigenschaften 
des Patienten zurückführen lassen, ob der Charakter eines Menschen an der 
Entstehung einer Geisteskrankheit Schuld sein kann, inwieweit sich Krank¬ 
heit und Charakter gegenseitig beeinflussen u. s. w. Verf. definiert nun 
Charakter eines Menschen als die Summe seiner psychischen Eigenschaften, 
soweit diese bewufst oder unbewufst seine inneren oder äufseren Leistungen 
hervorrufen. Durch die Verschiedenheit, in der diese Eigenschaften bei den 
einzelnen Menschen Vorkommen, entstehen nun die einzelnen Charakter¬ 
formen. So unterscheidet Verf., je nachdem die Beweggründe dem Menschen 
mehr oder weniger bewufst werden, einen bewufsten oder unbewufsten 
Charakter. Nach der Anzahl der Eigenschaften kann man einen einfachen 
und zusammengesetzten, nach ihrer gegenseitigen Übereinstimmung einen 
harmonischen und unharmonischen Charakter unterscheiden. 
Sind diese Eigenschaften durch innere oder äufsere Einflüsse schwer 
zu beeinflussen, so haben wir einen festen, im umgekehrten Falle einen 
schwachen Charakter vor uns. 
Die Eigenschaften selbst fallen nun unter die drei grofsen Gruppen 
psychischer Gebilde: Gefühl, Wille, Vorstellung, so dafs wir von einem 
Stimmungs-, Verstandes- und Willenscharakter reden können.
        

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