Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
R. Sommer: Diagnostik der Geisteskrankheiten für praktische Aerzte und Studierende. Zweite, umgearb. u. vermehrte Aufl. Berlin u. Wien, Urban & Schwarzenberg, 1902. 408 S
Person:
Schultze, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33113/2/
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Li ter a turberich t. 
Ein besonderes Gapitel ist der Entwickelung und Entstehung der Krank¬ 
heit gewidmet; hierbei hebt er die bei Erhebung der Anamnese zu um¬ 
gehenden Fehler hervor und legt bei der Erörterung des Begriffs der Degene¬ 
ration besonderen Werth darauf, dafs es bei den Degenerationszeichen 
nicht sowohl auf die morphologische als die physiologische Abweichung 
ankommt. Degeneration ist ihm, wie er scharf hervorhebt, eine durch die 
Componenten der Generation implicite bedingte, bis ins Pathologische 
gehende dauernde Abweichung von der normalen Function. Bei dieser 
Auffassung des Begriffs der Degenerationszeichen kommt Verf. zu dem 
Schlufs, dafs das Bestehen von somatischen Degenerationszeichen nicht 
als Beweis für die endogen-pathologische Beschaffenheit eines psychischen 
Zustandes angesehen werden kann. Dementsprechend sind auch die beiden 
Fragen: ob es geborene Verbrecher giebt und ob diese angeborene mora¬ 
lische Abnormität sich in significanten morphologischen Merkzeichen aus- 
drückt, scharf von einander zu scheiden. 
Der dritte Abschnitt des ersten Theils beschäftigt sich mit der Unter¬ 
suchung der psychischen Vorgänge. Es braucht wohl kaum besonders 
darauf hingewiesen zu werden, dafs S. gerade hier auf seine frühere Arbeit: 
Lehrbuch der psychopathologischen Untersuchungsmethoden, die ebenfalls 
in dieser Zeitschrift besprochen ist, Bezug nimmt und seine dortigen Aus¬ 
führungen erweitert und vervollständigt. 
Der zweite, wesentlich gröfsere Theil ist der speciellen Diagnostik ge¬ 
widmet. Auf Einzelheiten kann hier natürlich nicht eingegangen werden. 
Immerzu lenkt Verf. die Aufmerksamkeit des Lesers auf die einzelnen 
Symptome, lehrt sie zu sehen und zu beobachten sowTie sie zu verwerthen, 
verweist auf ihre Pathogenese, auf ihre Verknüpfung mit anderen Symptomen 
sowie die Art der Verbindung. Ueberall versucht er, auf rein psychischem 
Wege zu einer exacten Diagnose zu gelangen, unter voller Anerkennung 
der Bedeutung einer Individualpsychologie. 
Die vorliegende Auflage der Diagnostik ist wesentlich umfangreicher 
als die erste : nicht nur ist die ganze allgemeine Diagnostik neu hinzu¬ 
gekommen, sondern auch der zweite Abschnitt hat Zusätze (Apoplexie, 
Hirnabscefs, Hydrokephalus, Urämie, Morb. Based.) sowie mannigfache Er¬ 
weiterungen (z. B. bei Tumor cerebri, senile Atrophie, Morphinismus, prim. 
Schwachsinn) erfahren. Treffliche Abbildungen erläutern die Ausführungen, 
die vielfach in kurzen und prägnanten Sätzen den betr. Abschnitt be- 
schliefsen. 
Der neuen Auflage ist schliefslich ein Inhaltsverzeichnifs zugegeben. 
So ist es nicht zweifelhaft, dafs S.’s Arbeit in dem neuen Gewände weitere 
Anerkennung finden und der klinischen Psychiatrie neue Freunde zu¬ 
führen wird. Ernst Schtjltze (Andernach).
        

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