Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
R. Manno: Die Voraussetzungen des Problems der Willensfreiheit. Zeitschrift für Philosophie und philos. Kritik 117 (2) , 210-223. 1901
Person:
Kalischer, Edith
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33110/1/
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Literaturbericht. 
Tragischen in den anderen Künsten wird nicht eingegangen — stellt sich 
dem Yerf. als eine Spaltung der Persönlichkeit dar. Die ethische Persön¬ 
lichkeit wird zermalmt, während die ästhetische jubilirt. Der Genufs an 
der Tragödie wird nur dadurch möglich, dafs wir eine Seite unseres 
Wesens — hier die ethische — verschliefsen können, um eine andere auf- 
zuthun.“ Die Frage nach dem Vergnügen an tragischen Gegenständen 
wird also nicht gelöst, sondern dadurch umgangen, dafs das Tragische in 
der Tragödie geleugnet wird. Die Tragik soll in der Tragödie nicht 
voll „zu Worte kommen“. „Am Tragischsten wirkt vielleicht ein Extra¬ 
blatt oder ein geschichtlich berichtetes, tragisches Geschick. Die Tragik 
der Tragödie macht sich erst geltend, wenn wir sie nicht mehr sehen.“ 
„Der tragische Schlufs ist nichts anderes, als die Forderung, dafs das 
Stück mit dem Accord und in der Tonart endige, auf die alle Führung der 
Stimmen und alle Modulationen hinwiesen.“ — Trotz vieler geistvoller Be¬ 
merkungen und psychologischer Einblicke, welche auch dieser zweite Theil 
der Arbeit bietet, bleibt hier doch das Problem, der Genufs an der Tragödie, 
ungelöst. Das Wesentliche ist, dafs das Tragische einmal als Gegen¬ 
stand künstlerischer Behandlung erkannt ist. Mifsverstandener Formalis¬ 
mus aber ist es, wenn man die Frage, wie ein Gegenstand durch künst¬ 
lerische Behandlung genufsreich wird, dadurch zu lösen sucht, dafs man 
den Genufs uaf die formalen Elemente schiebt, den Gegenstand aber seiner 
eigensten Charakteristik durch die künstlerische Behandlung verlustig gehen 
läfst. — Edith Kalischer (Berlin). 
D. Irons. Natural Selection in Ethics. Philos. Review 10 (3), 271—287. 1901. 
I. unterzieht die Theorien, welche die Ethik aus den biologischen 
Momenten der natürlichen Auslese ableiten wollen, einer eindringenden 
Kritik. Er weist einerseits nach, dafs aus dem supponirten rein egoistischen 
Naturzustände des Kampfes aller gegen alle niemals, wie Darwin u. a. 
behaupten, durch zufällige Variation und natürliche Zuchtwahl Sympathie 
hätte entstehen können; und er führt andererseits aus, dafs nicht indifferente 
Selbsterhaltung, sondern die innere Verpflichtung, sich dem Ideal zu nähern, 
Ziel alles ethischen Thuns sei; an diesen Inhalt reicht aber die Kategorie 
des Ueberlebens des Angepafstesten überhaupt nicht heran. 
W. Stern (Breslau). 
R. Manno. Die Voraussetzungen des Problems der Willensfreiheit. Zeitschrift 
für Philosophie und philos. Kritik 117 (2), 210—223. 1901. 
Verf. hat in seiner Schrift: Heinrich Hertz — für die Willensfreiheit? 
(Leipzig, Engelmann, 1900) die Möglichkeit der Willensfreiheit darzuthun 
gesucht. Vorliegender Aufsatz giebt sich nur als Plan, gleichsam als 
Programm zu dieser Schrift. Es sei daher auf die hier gänzlich unzu¬ 
reichende Beweisführung nicht eingegangen, sondern nur der Standpunkt 
des Verf.’s kurz gekennzeichnet. — Wesentlich ist, dafs die Möglichkeit 
der Willensfreiheit als Problem der phänomenalen Welt betrachtet wird. 
„Kann die Mechanik, als die Wissenschaft von der Ordnung und den Eigen¬ 
schaften der Phänomene, die freie Bewegung der Massen zulassen, so
        

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