Bauhaus-Universität Weimar

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Ueber das räumliche Sehen. 
Von 
Dr. E. Storch. 
(Mit 6 Fig.) 
Wenn ich mich in meinem Zimmer umsehe, in welchem 
mir jeder Gegenstand bekannt ist, so nehme ich lauter körper¬ 
liche Dinge wahr. Die Platte des Tisches erscheint mir als ein 
Rechteck, an dessen vier Ecken die Beine rechtwinklig einge- 
pflanzt sind, die Ecken des Zimmers werden von drei recht¬ 
winklig aufeinanderstofsenden Ebenen gebildet, kurz alles was 
ich sehe, erscheint eine ganz bestimmte räumliche Form und 
Gröfse zu besitzen, dieselbe Form und Gröfse, welche ich auch 
durch Tasten wahrnehmen kann. 
Schliefse ich nunmehr ein Auge, so bemerke ich, dafs in 
dem Bilde eine schwer zu beschreibende Veränderung statt¬ 
gefunden hat, deren Wesen festzustellen der naiven Beobachtung 
kaum gelingen dürfte. Läfst man von Kindern oder auch von 
unbefangenen Erwachsenen diesen Versuch ausführen, so wird 
man auf die Frage, ob sie mit einem Auge anders sähen als 
mit beiden, in der Regel eine verneinende Antwort erhalten. 
Ich selbst bemerke bei einseitigem Augenschlufs sofort, wie alle 
Entfernungen in der Tiefenausmessung des Raumes zusammen¬ 
schrumpfen, dafs die Dinge gewissermaafsen auf dem Hinter¬ 
gründe zu kleben scheinen. Immerhin ist auch für mich, der 
ich gewöhnt hin, auf diese Verhältnisse zu achten, der Eindruck 
der Dinge zwingend körperlich, körperlicher als ihn ein Gemälde 
aus bester Künstlerhand erzeugt. 
Erst das Experiment vermag uns über das Wesen des nur 
unklar empfundenen Unterschiedes zwischen ein- und zwei¬ 
äugiger Sehwahrnehmung aufzuklären.
        

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