Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
R. Gaupp: Über die Grenzen psychiatrischer Erkenntnis. Vortrag. Zentralbl. f. Nervenheilk. u. Psychiatrie XXVI. Jahrg. Januar 1903
Person:
Merzbacher
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33075/1/
Literaturbericht. 
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links, so scheint er mit der transversalen Achse des Beobachters einen 
nach links offnen Winkel zn bilden, nach rechts bei Annäherung von rechts. 
Bei senkrechter Annäherung ist die Täuschung nur gering. Die Stellung 
des Kopfes ist für die Täuschung entscheidend. Wegen geringer Ab¬ 
weichungen von der intendierten Bewegungsrichtung im Dunklen gelangt 
man meist etwas schräg vor den Gegenstand, z. B. die Tischkante, glaubt 
aber, die beabsichtigte Parallelstellung zu derselben einzunehmen; da die 
Tastempfindungen lehren, dafs die Kante der Körpertransversalen nicht 
parallel ist, wird geschlossen, dafs der Tisch verschoben sei. Die Empfindung 
des Parallelismus wird bezogen auf den sagittalen Bogengang der einen, 
und den vertikalen der anderen Seite, welche einen sehr vollkommenen 
Parallelismus aufweisen. — Verf. führt die im dunklen Raum bei Kopf¬ 
drehungen entstehenden Richtungstäuschungen auf die Verstellung der 
Ebenen der drei Bogengangpaare zurück. Die konstantesten Richtungs¬ 
täuschungen erscheinen bei Drehung des Kopfes um seine sagittale Achse 
(stärkste Verstellung). Die Täuschungen in der horizontalen Richtung sind 
am häufigsten. Die Verstärkung der Richtungstäuschungen durch Schall¬ 
erregungen des Ohrlabyrinths weisen darauf, hin, dafs Schallwellen die nor¬ 
malen Erreger der Nervenenden der Bogengänge sind. Die Richtungs¬ 
täuschungen bei veränderter Kopflage sind entgegengesetzt der Neigung 
der Bogengangsebenen. Läge ein rein physikalisches Koordinaten¬ 
system vor, so wären die Täuschungen aus einer einfachen Umwandlung 
der vertikalen Ebenen in horizontale und umgekehrt erklärt. Die Be¬ 
rechtigung der Annahme, dafs eine Umwandlung auch im physiologi¬ 
schen Koordinatensystem statthabe, derart, dafs der horizontale Bogen¬ 
gang die Funktionen des vertikalen übernähme und umgekehrt, erscheint 
fraglich (Gesetz der spezifischen Energien). Wohl aber ist diese Annahme 
der Umwertung zulässig für das ideale Koordinatensystem, dessen Vor¬ 
stellung sich nach Verf. in unserem Gehirne aus der Kongruenz der Em¬ 
pfindungen der beiden Bogengangapparate bildet. — Der Grund des ab¬ 
weichenden Verhaltens der Versuchsperson G., welche Linkshänder ist, war 
nicht völlig aufzuklären. W. Trendelenburg (Freiburg i. Br.). 
R. Gaupp. Über die Grenzen psychiatrischer Erkenntnis. Vortrag. Zentralbl. 
f. Nervenheilk. u. Psychiatrie XXVI. Jahrg. Januar 1903. 
Der Titel sollte richtiger lauten: welche Mittel stehen einer psychi¬ 
atrischen Erkenntnis zur Verfügung? Indem aber Verf. die einzelnen 
Wege kritisch begeht, die sich der Erschliefsung des Gebietes darbieten, 
und hier früher, dort später auf unüberwindbare Hindernisse stöfst, vermag 
er so die Grenzen unserer Erkenntnis zu bestimmen. Freilich der Gang 
ist wenig erfreulich. 
Die Methoden der naturwissenschaftlichen Medizin führen 
nicht weit: „das Reich der Erscheinungen, deren Studium hier erforderlich 
ist, fällt grofsenteils in ein anderes Arbeitsgebiet, mit dem sich der Natur¬ 
forscher nicht befafst.“ Die Erkenntnis materieller Gehirnvorgänge sagt 
wenig oder noch gar nichts aus über psychisches Geschehen; daher können 
alle anatomis ch-pathologis chen Untersuchungen, alle physiologi-
        

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