Bauhaus-Universität Weimar

Li fera turberich t. 
Ob nun freilich ein Urteil richtig oder falsch ist, das kann die Psycho¬ 
logie nie feststellen, das ist Sache der Logik. 
Aber mit dem Augenblicke, wo die Frage nach der Richtigkeit auf¬ 
geworfen werden kann, hat sich das Urteil gleichsam vom Subjekt los¬ 
gelöst und Selbständigkeit gewonnen, als fertiges Gebilde steht es vor uns 
und wird auf seine Berechtigung und seinen Erkenntniswert geprüft. 
Aber ehe es dazu kommen konnte, hat es im Bewufstsein des Urteilenden 
eine Entwicklungsreihe durchlaufen, und hat einen wesentlichen Bestand¬ 
teil seines psychischen Lebens gebildet. Dies alles hat die Psychologie zu 
ergründen ; freilich ist dies nicht leicht, und die Lehre vom Urteil gehört zu 
ihren schwierigsten Problemen ; aber einige Experimente, die nicht einmal 
den Kern der Sache treffen, werden es, wie Ref. zu zeigen versucht hat, 
nicht lösen. 
Zum Schlufs noch eines: Wollte man das Urteil der Psychologie ent¬ 
ziehen, weil es eine fundamentale Rolle in der Logik spielt, so wäre dies 
dasselbe, als wenn man, um einen ähnlichen Vergleich wie der Verf. zu 
gebrauchen, den Zucker aus der Chemie verbannen wollte, weil er in der 
Lehre von den Nährstoffen des Menschen eine wichtige Bedeutung hat. 
Schliefslich gehört die physiologische Chemie doch nun einmal in 
die Chemie, aber die in ihr behandelten Körper unterscheiden sich in 
ihrem Verhalten doch wesentlich von anderen chemischen Körpern, ihr 
Aggregatzustand ist anders, wie der der meisten anderen, ihre Struktur etc. ; 
sie unterscheiden sich von ihnen, wie sich auf psychischem Gebiete Ur¬ 
teile von anderen Bewufstseinsvorgängen unterscheiden. Wie nun aber 
die Eiweifskörper ebensogut Gegenstand der Chemie sind, wie die Metalle, 
so mufs auch immer das Urteil als psychisches Erlebnis von der Psycho¬ 
logie behandelt werden. Moskiewicz (Breslau). 
C. Bös. Du plaisir de la douleur. Rev. philos. 54 (7), 60—74. 1902. 
Ausgeschlossen werden von vornherein diejenigen Fälle, wo ein In¬ 
dividuum infolge von individuellen Dispositionen da Vergnügen empfindet, 
wo wir Schmerz empfinden. So z. B. ist für den Hysterischen eine 
Schmerzempfindung etwas Angenehmes, weil dieselbe ihn von seiner Un¬ 
empfindlichkeit befreit. Desgleichen sind diejenigen Fälle auszuschliefsen, 
wo jemand zugleich weint und lacht. 
Zum Verständnis des vorliegenden Problems schickt Verf. einiges 
voraus: Unmerkliche Übergänge führen vom Vergnügen zum Schmerz. 
Dasselbe seelische Ereignis, welches von einem Gesichtspunkte aus 
schmerzlich ist, verschafft uns vom anderen Gesichtspunkte aus ein Ver¬ 
gnügen, welches aus seinem schmerzhaften Charakter hervorgeht. Dem 
Schmerz über das Vergnügen begegnet man seltener, nämlich nur in den 
kompliziertesten Fällen des moralischen Vergnügens. Das Vergnügen ist 
viel hinfälliger als der Schmerz, dem Indifferenzpunkte näher. Der Schmerz 
schreibt sich viel tiefer in unser Bewufstsein ein als das Vergnügen. 
Das Vergnügen ist eine Art Luxus, unwichtig, überflüssig. Diejenigen 
Theorien haben Recht, welche das Vergnügen einen negativen Zustand
        

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