Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Alb. Liebmann: Stotternde Kinder. Samml. v. Abhandl. aus dem Gebiete der pädagogischen Psychologie u. Physiologie, hrsg. v. Ziegler u. Ziehen, 6 (2). 1903. 96 S.
Person:
Lobsien, Marx
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33059/1/
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Li teraturbericht. 
griffspunkt für die Analyse und Unterscheidung. Umgekehrt kann das¬ 
selbe Zeichen verschiedene Bedeutungen haben. Repräsentiert so dieselbe 
Bewegung dem einen das Phänomen A, dem anderen das Phänomen B, so 
werden beide dadurch auf eine Ähnlichkeit der Art und Weise, sich diesen 
Bingen gegenüber zu fühlen, d. h. auf eine Ähnlichkeit der Phänomene 
aufmerksam. Bezüglich der Entwicklung der Sprache hat man anzunehmen, 
dafs die ersten elementaren emotionellen Zeichen ihr vorausgehen, dafs da¬ 
gegen alle übrigen ihr folgen. Denn das Emotionelle ist der Ruhe des 
sprachlichen Ausdrucks hinderlich. Ein hervorragendes Vehikel für die 
Entwicklung der Sprache bilden die zufälligen Gesten, d. h. diejenigen, 
welche sich auf zufällige Umstände beziehen, sofern sie schwerer verständ¬ 
lich sind und daher zu einer besonderen Ausdrucksweise anregen. 
Die Sprache ist ursprünglich eine Art Malerei. Sie ahmt die Stimmen 
der Tiere und die Geräusche der Natur nach. Später beschränkt sie sich 
auf das Hervorbringen von analogen Tönen. In einem dritten Stadium 
nimmt die sonore Kopie Bezug nicht auf die Objekte selbst, sondern auf 
ihre Begleiterscheinungen. 
Einen wichtigen Faktor für die Entwicklung der Sprache bilden die 
Werkzeuge, sofern ihr Gebrauch zu zusammenhängenden Reihen von Be¬ 
wegungen nötigt. Hier kommt auch die Assoziierung eines vergröfserten 
Vorstellungskomplexes hinzu durch Rücksichtnahme auf den Zweck und 
die Umstände. Der tägliche und allgemeine Gebrauch hat dabei eine ge¬ 
wisse Einübung zur Folge und ermöglicht dadurch das Verständnis kom¬ 
plizierterer Zeichen. 
Nach Wundt ist die primitive Sprache die der Bewegungen. Das 
Wort erscheint später dank der Lautgeberde: Die Bewegung der stimm¬ 
lichen Artikulation begleitet die Gesten. Voiré behauptet, dafs, wenn 
unsere Muskeln in Bewegung sind, wir die Tendenz besitzen, in Tönen aus¬ 
zubrechen. Die ersten Worte waren Imperative. 
Die artikulierte Sprache verdankt ihre Entstehung nicht, wie oft an¬ 
genommen wird, der ausschliefslichen Aktion eines unbewufsten Mechanis¬ 
mus. Wort und Geste unterstützen sich, aber sie bekämpfen sich auch. 
Sie bezeichnen den Kampf für das Leben. In diesem Kampfe hat infolge 
sozialer Notwendigkeiten, wie wir sahen, das Wort den Sieg über die Ge¬ 
berde davongetragen. Die Sprache ist daher zugleich das Werk der Natur 
und der Menschen, sie entstand zugleich unbewufst und bewufst, zugleich 
biologisch und psychologisch. Giessler (Erfurt). 
Alb. Liebmann. Stotternde Kinder. Samml. v. Abhandl. aus dem Gebiete der 
pädagogischen Psychologie u. Physiologie, hrsg. v. Ziegler u. Ziehen, 6 (2). 
1903. 96 S. 2,40 Mk. 
Trotz einer grofsen Reihe hervorragender Arbeiten sind die Meinungen 
der Autoren über das Wesen des Stotterns noch nicht geklärt. Zwei ent¬ 
gegenstehende Hauptrichtungen sind zu unterscheiden. Als Vertreter der 
einen, die auf die inkoordinierten Atmungs- und Sprachbewegungen das 
Hauptgewicht legt, ist Gutzmann, als Vertreter der anderen Denhardt an¬ 
zusprechen, der in den psychischen Symptomen, besonders in der Sprach- 
angst und Lautfurcht, die eigentliche Wurzel des Stotterns erblickt. Nach
        

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