Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
H. J. Pearce: Über den Einfluß von Nebenreizen auf die Raumwahrnehmung. Diss. Würzburg 1903. 81 S. Auch: Arch. f. d. ges. Psychol. 1 (1), 31-109. 1903
Person:
Dürr
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33047/2/
Literaturbericht. 
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reize von 3 cm überwiegend eine Umkehrung ihres Lageverhältnisses statt¬ 
findet. In den Versuchen über Vergleichung zweier Entfernungen tritt ein 
analoger Einflufs darin hervor, dafs von zwei gleichen Strecken, von denen 
die zweite in den Versuchen ohne Nebenreize meist als kleiner beurteilt 
wurde, die mit einem Nebenreiz an zwreiter Stelle gebotene immer häufiger 
als gröfser bezeichnet wird, je mehr die Entfernung des Nebenreizes vom 
Endpunkt derselben wächst. 
Diese Resultate geben Veranlassung zu der Vermutung, dafs man eine 
Täuschung bei Beurteilung von Hautstrecken demonstrieren könne, ähnlich 
der von Müller-Lyer angegebenen bekannten optischen Täuschung. Ver¬ 
suche mittels eines Modells der MüLLER-LYERschen Figur bestätigen diese 
Vermutung. Das Modell stellt die Strecke, an der die Täuschung beob¬ 
achtet werden soll, durch ein mit der schmalen Längsseite auf die Haut 
aufzusetzendes Messingblech, die Schenkel durch Zapfen dar, welche in 
vier um die Endpunkte jener Strecke drehbaren Armen in variabler Anzahl 
und in verschiedener Entfernung vom Scheitel des durch sie bezeichneten 
Winkels angebracht werden können. Nachdem eine Versuchsreihe, bei 
welcher die beiden Typen der MüLLER-LYERschen Figur miteinander ver¬ 
glichen wurden, bereits annähernde Resultate ergeben hat, werden ge¬ 
nauere Bestimmungen mittels einer geeigneteren Methode gewonnen. Es 
wird nämlich eine einfache (schenkellose) Linie von variabler Länge mit 
einer Form der Täuschungsfigur verglichen und nach der Methode der 
Minimaländerungen diejenige Gröfse jener Linie bestimmt, bei welcher 
Normalreiz (die Strecke der M.-L. Figur) und Vergleichsreiz gleich er¬ 
scheinen. Dabei zeigt sich, entsprechend der bekannten optischen 
Täuschung, eine Überschätzung des Normalreizes bei auswärts gekehrten 
Schenkeln der Täuschungsfigur, eine Unterschätzung im entgegengesetzten 
Fall. Die Überschätzung nimmt mit wachsender Gröfse des Normalreizes 
ab, die Unterschätzung nimmt unter gleichen Umständen, wenn auch nur 
in geringem Mafse, zu. Mit zunehmender Gröfse des von den Schenkeln 
gebildeten Winkels nimmt bei beiden Typen der M.-L. Figur die Täuschung 
ab. Mit der Zahl der die Schenkel bezeichnenden punktuellen Druckreize 
wächst die Täuschung wenigstens bei auswärts gekehrten Schenkeln. Das 
abweichende Verhalten bei einwärts gerichteten Schenkeln rührt möglicher¬ 
weise von störenden Nebeneinflüssen her. Mit der Länge der Schenkel 
endlich nimmt die Täuschung ebenfalls, wenn auch nicht proportional der 
Verlängerung, zu. 
Diese experimentellen Resultate stellen ein wertvolles Material dar, 
welches namentlich zur Beurteilung und zum Ausbau der Theorie der 
optischen Täuschungen herangezogen zu werden verdient. Der Verf. der 
vorliegenden Arbeit freilich sieht in ihnen nicht sowohl die Grundlage 
einer Theorie als vielmehr Erscheinungen, welche ihrerseits der theoreti¬ 
schen Ableitung bedürftig sind. Anstatt es als letzte Tatsache zu be¬ 
trachten, dafs die Apperzeption eines Eindrucks durch den Einflufs von 
Nebenreizen in bestimmter Richtung modifiziert wird, will er seine Resul¬ 
tate dadurch erklären, dafs er zwischen die Einwirkung des Reizes und 
die Lokalisation desselben, welche in den Urteilen „oben“, „unten“ 
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