Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
W. Weygandt: Beiträge zur Psychologie des Traumes. Philosoph. Studien 20 (2), 456-486. 1902
Person:
Giessler
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33019/2/
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Litera turbericht. 
des Schlafes anzusehen ist, ebenso die Ansicht, dafs das Wesen der Traum¬ 
vorgänge in der Wunscherfüllung liege, wie Freud, Griesinger und Rade¬ 
stock dies behauptet hatten. Ferner wird die Ignorierung der Tiefschlaf¬ 
träume getadelt, und dafs Goblot behauptet, nur die während des Erwachens 
stattfindenden Träume könne man behalten, und dafs auch Lahusen den 
Traum nur als ein Erwachungsphänomen betrachtet. Auch über die zeit¬ 
lichen Verhältnisse existieren noch unsichere Urteile. W. ist der Ansicht, 
dafs namentlich die Träume vor dem normalen, spontanen Erwachen 
weniger zusammenhängender Natur sind, und dafs nur bei plötzlicher, 
intensiver Störung die jedesmal auf den Reiz bezüglichen Vorstellungen 
sich ineinander verschieben. Ersteres zeigen namentlich die Wiederholungs¬ 
träume, welche als solche von einem langsamen Gedankenfortschritt zeugen. 
Begreiflich erscheint W. die Zurückhaltung der Autoren gegenüber den 
Träumen zur Zeit der tieferen Schlafperioden, weil hier die methodischen 
Schwierigkeiten die gröfsten sind, und wir meist nur flüchtige Spuren von 
Traumerinnerungen aus jener Periode ins wache Leben zu retten vermögen. 
Ausführlicher wendet sich Verf. den Träumen bei Eintritt des Schlafes 
zu. Man darf die entoptischen Erscheinungen, welche man bei geschlossenen 
Augen innerhalb der Sehsinnsubstanz wahrnimmt, nicht ohne weiteres mit 
den selteneren phantastischen Gesichtserscheinungen beim Einschlafen 
identifizieren, wie Johannes Müller, Maury und Ladd dies tun. Goblot 
hält die hypnagogischen Halluzinationen nur für Analogien zu den Träumen, 
die keineswegs in Träume übergehen. Demgegenüber betont Mourly Vold 
den physiologischen Charakter der hypnagogischen Halluzinationen. 
Weygandt teilt diese Erscheinungen in drei Gruppen: Zur ersten Gruppe 
gehören jene entoptischen und entotischen Erscheinungen, welche man 
auch im wachen Leben bei besonderer Aufmerksamkeitsspannung wahr¬ 
nimmt. Sie beruhen auf Eigenerregungen der entsprechenden Sinnes¬ 
sphären. Auch für die taktile Sphäre bestehen solche. Die Angehörigen 
der zweiten Gruppe treten zur Zeit starker geistiger Ermüdung und heran¬ 
nahenden Schlafes ins Bewufstsein. Hier bedarf es keiner besonderen Auf¬ 
merksamkeitsspannung, sondern das Erschlaffen der apperzeptiven Tätig¬ 
keit erlaubt dies. Man könnte alle diese Vorgänge als Praedormitium zu¬ 
sammenfassen oder als präsomnische Sensationen. Dieselben bleiben oft 
aus. Es fragt sich nun, wo eigentlich die Grenze zwischen Praedormitium 
und eigentlichem Schlaf liegt. W. datiert den Eintritt des Schlafes psycho¬ 
logisch von dem Moment des Verlustes des Situationsbewufstseins. 
Im zweiten Teile der Arbeit erzählt Verf. eine Anzahl selbsterlebter 
Schlummerbilder bezw. Früh träume, welche er gelegentlich beobachtete. 
Es wirkten hier nur Reize von überminimaler Intensität, vorherrschend aus 
der Tastsphäre, während entoptische und entotische Erscheinungen zurück¬ 
traten. Verf. kommt auf Grund seiner Beispiele zu dem wichtigen Resultate, 
dafs während des Praedormitiums die Wahrnehmungsvorstellungen stärker 
sind als die Reproduktionsvorstellungen, obwohl die Reizschwelle im ganzen 
höher liegt. Dies im Gegensatz zum wachen Leben und auch zu den eigent¬ 
lichen Träumen, in denen die somatischen Sensationen gegenüber dem 
apperzeptiven Denken zurücktreten. Bei diesen Träumen werden sogar 
manchmal periphere Reize perzipiert, welche sich der Traumsituation nicht
        

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