Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
E. Wehrli: Über hochgradig herabgesetzten Farbensinn. Mitteil. d. Thurgauer Naturf. Gesellschaft (15). 1903
Person:
Nagel, W. A.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit33013/1/
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Literaturberich t. 
scheidet; eine gewisse Befangenheit könnte man jedoch vielleicht darin 
finden, dafs Verf. der „psychologischen Analyse“ der Farbenempfindungen 
ein solches Gewicht beimifst, dafs daneben die Bedeutung physikalischer 
und physiologischer Gebiete verschwindet. Die subjektiven Eindrücke der 
Verf. mögen für sie selbst sehr überzeugend sein, für andere, z. B. den 
Referenten, reicht aber die Überzeugungskraft doch nicht aus, um die 
Fundamente der Dreifarbentheorie zu erschüttern. 
Die wesentlichsten Folgerungen der Verf. sind folgende: Es ist fest¬ 
zuhalten, dafs es, auf Grund der psychologischen Analyse der Farben¬ 
empfindungen, vier, nicht drei, Grundfarben gibt : rot, grün, gelb und blau. 
Die farblose Lichtempfindung hat nicht als Misch-, sondern als Grund¬ 
empfindung zu gelten. „Erkennt man dies als richtig an, so sind alle be¬ 
züglichen Sätze der Dreifarbentheorien von der Young - HELMHOLTzschen an 
zu verwerfen.“ 
Unzweifelhaft kann farblose Lichtempfindung, auch ohne dafs man 
farbige Reize mischt, erzielt werden. „Diese Tatsache macht die Lehre 
der Young-HELMHOLTzschen Theorie, welche „farblos“ als Mischung auffafst, 
auch physiologisch zu nichte.“ 
Eine Mischung von rotem und grünem Lichte erzeugt nicht farblose 
Lichtempfindung. „Dieses Faktum ist unvereinbar mit der HEuiNGSchen 
Theorie und allen ihren Modifikationen.“ 
Die anatomische Struktur und die Netzhautverteilung der Stäbchen 
spricht dafür, dafs diese Gebilde nur farblose Lichtempfindung auszulösen 
vermögen. 
Der Umstand, dafs Stäbchen und Zapfen ursprünglich völlig gleiche 
Gebilde sind, und dafs die Zapfen sich erst im Laufe der Entwicklung 
herausdifferenzieren, spricht mit gröfster Wahrscheinlichkeit dafür, dafs 
ein chemischer Prozefs, welcher sich in Stäbchen und Zapfen in derselben 
Weise abspielt, farblose Lichtempfindung erzeugt; er spricht ferner dafür, 
dafs verschiedenen Phasen oder Stadien dieses chemischen Prozesses in 
den Zapfen die Ursache für die Farbenempfindung abgeben. Die letzteren 
Annahmen bilden die wesentlichen Merkmale der Theorie der molekularen 
Dissoziationen von Mrs. Ladd - Franklin ; eine Farbentheorie von dieser Art 
scheint der Verf. „am besten mit den Beobachtungen und den Ergebnissen 
der physiologischen Forschung in Einklang zu stehen und die gröfste bio¬ 
logische Wahrscheinlichkeit zu besitzen.“ W. A. Nagel (Berlin). 
E. Wehrli. Über hochgradig herabgesetzten Farbensinn. Mitteil. d. Thurgauer 
Naturf. Gesellschaft (15). 1903. 
Verf. hat einen interessanten Fall hochgradiger Farbenschwäche bei 
einem jungen Postbeamten sorgfältig nach verschiedenen Methoden unter¬ 
sucht (Wollprobe, Stillings und des Ref. pseudoisochromatische Farben¬ 
tafeln, Kontrastversuche, Farbenkreisel). Das Farbensystem zeigt starke 
Annäherung an die Merkmale der Rotblinden (Protanopen) und zugleich 
auch der Blaublinden (Tritanopen), bei weniger genauer Prüfung hätte er 
als Totalfarbenblinder erscheinen können. Dämmerungssehen, Dunkel¬ 
adaptationsvermögen („Lichtsinn“) ist normal, und die Kennzeichen des 
Dämmerungssehens (starke Unterwertigkeit des Rot) treten anscheinend
        

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