Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
H. Taine: De la volonté: Fragments inédits. Rev. philos. 50 (11), 441-480. 1900
Person:
Giessler
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32984/1/
Literaturbericht. 
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Dafür aber sucht er Anschlufs an eine Gesellschaft Gleichgesinnter. Der 
Fanatiker findet den Frieden in einem socialen Medium, wo dieselben 
Suggestionen in fortgesetzter Wiederholung ihn aufrecht erhalten, d. h. in 
einer gröfseren oder kleineren Gesellschaft, die absolut gleichförmig und 
beständig ist. Nach der Ansicht der Fanatiker erfüllt die Religion ihre 
psycho-sociale Pflicht auf dreifache Art, indem sie erstens die Glaubens¬ 
sätze, zweitens die Handlungen und die Führung, drittens die Gefühle und 
Dispositionen der Mitglieder der Gemeinschaft uniformirt. Das Streben 
nach Gleichförmigkeit offenbart sich in dem Kampfe gegen die Häresieen. 
Der Fanatiker führt selbst gegen die am allerwenigsten gefährlichen 
Meinungen Krieg und zwar nur deshalb, weil sie innerhalb seines Milieus 
Unterschiede herbeiführen. Er glaubt dabei als Werkzeug Gottes zu 
handeln. In summa wird die religiöse Idee bei ihm zu einer socialen 
Kraft, weil der Fanatiker das Bedürfnifs spürt, dem Medium angepafst zu 
bleiben, das seiner Ansicht nach von einer höheren Macht beschützt wird, 
und in dessen Mitte er Ruhe und Frieden findet. 
Eine der häufigsten Beobachtungen ist, dafs überall, wo der Einflufs 
der Religion verschwindet oder sich abschwächt, Zerfall eintritt. Umge¬ 
kehrt übt die religiöse Idee einen Druck aus auf die Glaubenssätze, Acte 
und Gefühle. Die Religionen begünstigen die mittelmäfsigen Menschen 
d. h. diejenigen, welche als Nachahmer Anderer die Urtheile und Gefühle 
seines Milieus absorbiren und auf diese Weise einen Repräsentanten der¬ 
selben darstellen. Der Fanatismus entwickelt sich bisweilen bei relativ 
gesunden und normalen Menschen, bei schwachen Geistern tritt er mit um 
so gröfserer Heftigkeit auf. Der Fanatiker zerstört Alles, was aufserhalb 
seines kirchlichen Ichs bleibt. Giessleb (Erfurt). 
H. Taine. De la volonté: Fragments inédits. Rev. philos. 50 (11), 441—480. 
1900. 
Der Genufs einer rein psychologischen Arbeit d. h. rein psychologischer 
Analysen wird Einem in der Jetztzeit, wo die Psychologie auf möglichst 
viele angrenzende Gebiete sich zu verbreiten strebt, seltener geboten. Um 
so freudiger begrüfsen wir die Veröffentlichung der vorliegenden psycholo¬ 
gischen Fragmente aus dem Nachlasse des berühmten Gelehrten, wenn auch 
ihr Inhalt nicht so bedeutend ist wie der anderer Arbeiten Taine’s. 
Es sind eine Reihe von Einzeluntersuchungen. Die bezüglichen 
Themata des ersten Theiles fafst T. unter der Ueberschrift Conflit des 
tendances zusammen: 1. Vergleich von Empfindungen mit Empfindungen. 
Man kann Denkempfindungen (sensations cognitives) von impulsiven Empfin¬ 
dungen unterscheiden. An letztere ist alles Impulsive, vor allem Ver¬ 
gnügen und Schmerz gebunden. Das eigentliche Wesen des organischen 
Individuums ist im System der impulsiven Nerven concentrirt. Die Denk¬ 
nerven sind nicht die Repräsentanten des Organismus, sondern sie gehören 
zu der Function, durch welche äufsere Objecte zu Bildern werden. Die 
impulsiven Nerven dagegen repräsentiren den Organismus in seinen Be¬ 
ziehungen zum Bewufstsein. 2. Empfindungen verglichen mit Bildern und 
bstracten Ideeen. Die russischen Soldaten legten sich in den Schnee
        

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