Bauhaus-Universität Weimar

Literaturbericht. 
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M. Y. O’Shea. The Psychology of Number. — A Genetic View. Psychol. Revieic 
8 (4), 371—383. 1901. 
Rechnen besteht in einem Manipuliren mit Zahlen — nach ver¬ 
schiedenen Methoden in Addition, Subtraction u. s. w. Man operirt hier 
nur mit Symbolen, an deren ursprüngliche Bedeutung man gar nicht zu 
denken braucht. Die eigentliche Bedeutung dieser Symbole wird erst dann 
wichtig, wenn man die Rechnung auf bestimmte Fälle des wirklichen 
Lebens anwendet. Es ist nun die Frage, ob man Rechnen in der Schule 
mit mehr oder weniger Rücksicht auf die wirkliche Bedeutung der Symbole 
lehren soll, oder ohne solche Rücksicht. Zur Entscheidung dieser Frage 
mufs man über die Entstehung der Zahlvorstellungen im Klaren sein. 
Das Kind erfährt eine grofse Zahl von Einschränkungen ; es darf nicht 
mehr essen als eine gewisse Quantität, nicht länger spielen als eine gewisse 
Zeit. Es erfährt ferner eine Wiederholung von Einheiten; es hat drei 
Aepfel und darf einen Morgens essen, einen Mittags, einen Abends. Auf 
diese Weise wird seine Aufmerksamkeit auf die Zusammensetzung von 
Gruppen gelenkt. Es sieht seine Eltern die Gegenstände abzählen, die sie 
ihm zuweisen, und lernt selber zählen. Die Thatsache, dafs das Kind nur 
gleiche Objecte zählt, nicht etwa Aepfel und Zuckerstücke zusammen, 
braucht man nicht durch die Annahme eines Abstractionsprocesses zu er¬ 
klären. Das Kind zählt, um eine gewisse Erfahrung zu messen; z. B. wie 
lange es an einem Haufen Aepfel Freude haben wird, wenn es jeden Tag 
einen essen darf. Mit verschiedenen Objecten hat es auch verschiedene 
Erfahrungen und daher keine Veranlassung, sie zusammen zu zählen. 
Max Meyer (Columbia, Missouri). 
A. Binet. La suggestibilité. Paris, Schleicher Frères, 1900. 393 S. 
Das anregende Werk Binet’s beschreibt eine Reihe von Versuchen 
über Suggestibilität während des normalen Waehbewufst- 
.seins bei Schulkindern; diese Versuche sind nicht nur für die Pädagogik 
und Individualpsychologie, sondern zum Theil auch für die Rechtswissen¬ 
schaft von Interesse. Das erste, „historische“, Capitel enthält einen Ueber- 
blick über früher gemachte Experimente, die ähnlichen Zwecken dienten. 
Die drei folgenden handeln von dem Einflufs der „Le it id een“ (idées 
directrices). Hier wird über Versuche berichtet, die den Zweck haben, in 
Ren Kindern durch das objectiv Dargebotene eine suggestiv wirkende Vor¬ 
stellung entstehen zu lassen, ohne dafs sich dabei ein psychischer Einflufs 
des Experimentirenden geltend macht. Die Schüler müssen z. B. Linien 
aus dem Gedächtnifs reproduciren, von denen die ersten fünf beständig an 
Länge zunehmen, während alle folgenden gleich bleiben: der im Anfang 
erzeugte Eindruck des Anwachsens beeinflufst dann unter Umständen die 
späteren Reproductionen, und man erhält auf diese Weise einen Maafsstab 
für die gröfsere oder geringere Suggestibilität der Kinder. Oder Binet läfst 
15 Würfel von gleicher Gröfse nach ihrem Gewichtsunterschied beurtheilen, 
von denen die vier ersten 20, 40, 60, 80 gr wiegen, alle übrigen aber 
100 gr. Auch hierbei kann der Einflufs der anfänglichen Vermehrung so 
stark sein, dafs einzelne Schüler bis zum Schlufs der Reihe ein Anwachsen 
Zeitschrift für Psychologie 28. 19
        

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