Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
H. Münsterberg: Grundzüge der Psychologie. Bd. I: Allgemeiner Theil: Die Principien der Psychologie. Leipzig, Barth, 1900. VIII u. 565 S.
Person:
Stern, W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32969/3/
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Besprechungen. 
den Geisteswissenschaften, welche einmalige Ereignisse behandeln, scheidet 
und die Psychologie der ersten Gruppe zuweist. Zugleich wirken in den 
nun folgenden Erörterungen über die erkenntnifstheoretischen 
Grundlagen der Psychologie Ideengänge AvENAKius’scher Richtung 
mit. Die reine ursprüngliche Erfahrung kennt nicht die Scheidung zwischen 
Ding und Vorstellung, sondern nur einheitliche, gegenwärtige oder ab¬ 
wesende, vergangene oder zukünftige Dinge, die dem Ich als Bethätigungs- 
objecte gegeben sind ; das Ich, das ihnen gegenübersteht, ist nicht das vor¬ 
stellende, sondern das „Stellung nehmende“. „Im Vorziehen und Ablehnen, 
im Lieben und Hassen, im Gebrauchen und Meiden, im Bewundern und 
Verabscheuen, im Zustreben und Auf geben, im Beachten und Ab wenden, 
kurz in den unendlich mannigfach nuancirten Entscheidungen des Wollens 
und Nichtwollens als freien Acten schafft das Ich sich Realität; wer aber 
Vorgefundene Muskelempfindungen, Organgefühle und Aehnliches dafür 
einsetzt, der mag auf dem richtigen Wege sein, im Dienste der Psycho¬ 
logie eine mittelbare Beschreibung des objectivirten Vorgangs zu gewinnen, 
aber von der nie beschreibbaren, sondern erlebbaren wirklichen Actualität 
des Ich ist dann kein Bruchtheil zurückgeblieben.“ (S. 57.) Zu den 
Lebensaufgaben des aetuellen Subjeetes gehört aber auch die objectivirende 
Erkenntnifs, d. h. ein Verfahren, durch welches die primäre Wirklichkeit 
des Objectes in gewisser Weise umgestaltet wird, bis es nicht mehr Object 
der activen Stellungnahme, sondern nur noch Object des Erfahrenwerdens 
für das Subject ist. So sind zwei Wissenschaftsgruppen aufzustellen, die 
sich nicht durch das Material, sondern durch die Behandlung des Objectes 
seitens des Subjeetes unterscheiden, „subjectivirende“ und „objectivirende“. 
Die Scheidung hat mit der von Physischem und Psychischem nichts zu 
thun. Die subjectivirenden Wissenschaften behandeln das Object, sofern 
es für das wollende Subject „gültig“ ist, d. h. Wert hat, die objectivirenden, 
sofern es andere Objecte vorbereitet, d. h. bestimmte analytisch feststell¬ 
bare Beschaffenheit hat. Erst innerhalb der letzten Gruppe kommt 
die Scheidung zwischen Physischem und Psychischem zu Stande, und zwar 
auf folgende Weise: Das stellungnehmende actuelle Subject ist aus¬ 
geschaltet, übrig bleibt nur, was das Ich als ihm Gegebenes „vorfindet“ ; 
aber ein Unterschied besteht noch darin, ob irgend etwas Vorgefundenes 
nur einem Ich oder vielen vorfindbar ist, jenes nennen wir psychisch, 
dieses physisch. „Nun ist aber alle Erkenntnifs der nothwendigen Zu¬ 
sammenhänge Aufweisung des Identischen, und alle Bearbeitung der 
Wissenschaften geht darauf aus, das Verschiedene so umzudenken, dafs es 
als ein theilweise Identisches betrachtet werden kann.“ (S. 82.) Da wir 
nun als physisch dasjenige aussondern, was an den Objecten identificirbar 
ist, so ergiebt sich, dafs die Möglichkeit einer wirklichen Zusammenhangs- 
erkenntnifs nur in Bezug auf die physische Natur besteht, dafs dagegen 
das Psychische der Rest ist, der bei jeder Identification, d. h. Causal- 
betrachtung übrig bleibt. Für das Psychische giebt es daher 
keinen directen Causalzusammenhang. Aber noch etwas Anderes 
ergiebt sich aus der obigen Definition des Psychischen; in seiner Sphäre 
hat der Wille keinen Platz. Denn der Wille als Realität ist That des 
Stellung nehmenden Subjects, von dem die objectivirende Psychologie ab-
        

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