Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
H. Münsterberg: Grundzüge der Psychologie. Bd. I: Allgemeiner Theil: Die Principien der Psychologie. Leipzig, Barth, 1900. VIII u. 565 S.
Person:
Stern, W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32969/1/
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Besprechungen. 
H. Münsterberg. Grundzüge der Psychologie. Bd. I: Allgemeiner Theil: Die 
Principien der Psychologie. Leipzig, Barth, 1900. VIII u. 565 S. 12 Mk. 
Münsterberg-’s Grundzüge der Psychologie sind auf zwei Bände be¬ 
rechnet. Während der zweite Band die „Thatsachen der Psychologie“ be¬ 
handeln soll, giebt der vorliegende erste Band, der übrigens ein in sich 
durchaus selbständiges Ganzes bildet, die philosophische Ableitung der 
Aufgabe und Bedeutung sowie der Grundbegriffe und Principien der Psy¬ 
chologie. 
Der Werth des vorliegenden Buches, welches zu den bedeutendsten, 
aber auch seltsamsten Erscheinungen der modernen philosophischen und 
psychologischen Literatur gehört, besteht nicht nur darin, dafs es der 
psychologischen Specialarbeit eine Reihe neuer, sehr aussichtsreicher Be¬ 
trachtungsweisen erschliefst — es sei vor Allem die „Actionstheorie" er¬ 
wähnt — ; sondern auch darin, dafs es eine nothwendige Etappe im Ent¬ 
wickelungsgang der wissenschaftlichen Weltanschauung unserer Zeit darstellt. 
M. galt bisher als einer der radikalsten Naturalisten und Physio- 
logisten unter den modernen Psychologen, und man hatte gemeint, dafs 
sich in dieser Stellungnahme nicht nur seine psychologische Theorie, 
sondern sein wissenschaftliches Glaubensbekenntnifs überhaupt ausspreche. 
Jetzt aber lernen wir ihn ganz anders kennen. Er ist eine Zweiseelen¬ 
natur, die in ihrem Innern einen harten Kampf durchmacht zwischen zwei 
unvereinbaren Forderungen ; dieser Kampf aber ist derselbe, der der wissen¬ 
schaftlichen Gesammtlage unserer Zeit den Stempel aufdrückt: der Streit 
zwischen mechanischem Impersonalismus und teleologischem Personalismus. 
Als Theoretiker ist M. nach wie vor der atomisirende Hume’aner : das 
Ich ein Bündel von Vorstellungen — als Metaphysiker aber Fichtaner: 
das Ich eine Thathandlung. Die Psychologie kennt nur eine unwirkliche 
Welt indifferenter unthätiger psychischer Objecte; die lebendige Realität 
aber besteht aus stellungnehmenden, wollenden, wertenden Subjecten; beide 
haben nichts mit einander zu schaffen. 
Wenn die wissenschaftliche Weltanschauung jetzt auf einem Wege 
ist, der wieder einem consequenten, Leben und Wissen umspannenden 
Idealismus entgegenführt, so mufste zunächst einmal die bisher herrschende 
selbstzufriedene psychische Mechanistik Einkehr halten und erkennen, wie 
sie gerade gegenüber dem höchsten und tiefsten versagt: das thut sie in M. 
Sein Kampf gegen den „Psychologismus“, der alle Geistes- und Norm-
        

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