Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
E. Dürr: Über das Ansteigen der Netzhauterregungen. Philos. Stud. 18 (2), 215-273. 1902
Person:
Kiesow
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32968/1/
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Literaturberichtt 
wie ist Sein möglich. Mit der obigen Definition ist nun aber auch der alte 
Gegensatz zwischen Materie und Seele überwunden und zugleich der 
Materialismus im Prinzip beseitigt. Das Bewufstsein, das, was als Em¬ 
pfindungsinhalt den Raum erfüllt, teilt sich in zwei Gebiete, den eigenen 
Leib und die Aufsenwelt. Der erstere, die eigene kompakte Ausgedehnt¬ 
heit oder die eigene Raumerfüllung wird als primärer Bewusstseinsinhalt 
bezeichnet, weil er von allen speziellen Empfindungsinhalten schon voraus¬ 
gesetzt wird. Er ist aber niemals allein und ausschlieSslich Bewusstseins¬ 
inhalt, sondern die ganze umgebende sicht- und tastbare Welt gehört dazu. 
Diese ist deswegen nicht blofse subjektive Sinnesempfindung, sondern sie 
gewinnt „den Charakter des Objektiven, indem ihr Ort nicht die immateriell 
genannte Seele ist, sondern der Raum, welcher der eine und selbe Be¬ 
wusstseinsinhalt der vielen Ich ist“. Ätherschwingungen, molekularer 
Nervenvorgang des N. opticus und Lichtempfindung sind wissenschaftliche 
Abstraktionen. In Wirklichkeit ist nur eins vorhanden: Modifikation 
meines ausgedehnten Ichs. Das gleiche gilt von der beobachteten Ab¬ 
hängigkeit des Vorstellungslebens von dem Gehirn bezw. bestimmten Teilen 
desselben. „Bin ich mein Leib mit allen seinen Organen, bin ich das 
sehende Auge, so bin ich auch das Gehirn mit denjenigen Vorgängen, von 
welchen der Eintritt einer Vorstellung abhängen soll.“ So ist das Geheim¬ 
nis des Zusammenhanges von Leib und Seele zurückgeführt auf die Ur- 
tatsache, dafs das Ich sich als räumlich Ausgedehntes bezw. als einen Leib 
finden und wissen könne, ohne welche Tatsache kein Ich existiert. 
Dies der wesentliche Inhalt der durch die verschlungene Darstellung 
und durch die polemischen Exkurse nicht leicht verständlichen Schrift. 
Was auch dieser neue Lösungsversuch vermissen läfst, ist zuvörderst die 
Bestimmung, worin wissenschaftliches Begreifen besteht, und in welcher 
Richtung demnach überhaupt eine Lösung des vorliegenden Problems zu 
suchen ist. Dazu war nötig die Bereinigung des Substanzbegriffes und des 
Raumbegriffes, von deren richtiger Aufstellung doch in letzter Linie die 
gesuchte Antwort abhängt. Ebensowenig kann die Erörterung des Kausal¬ 
begriffs befriedigen mit der mystischen Gleichsetzung Notwendigkeit = Sein. 
Doch erledigen sich vielleicht diese Ausstellungen durch das Studium der 
anderen, dem Ref. unbekannten Werke des Verf., auf die auch mehrfach 
verwiesen wird. Paul Schultz (Berlin). 
E. Dürr. Über das Ansteigen der Netzhauterregungen. Philos. Stud. 18 (2), 
215—273. 1902. 
Der Verf. stellte sich mit der vorliegenden Arbeit die Aufgabe, die 
Versuche, welche ihrerzeit Exner und Kunkel über den gleichen Gegen¬ 
stand ausführten, nachzuprüfen und zu ergänzen, wobei er sich besonders 
von dem Gedanken leiten liefs, den Grund für die Widersprüche, welche 
sich in den Ergebnissen der genannten Forscher finden, zu suchen und 
diese auszugleichen. Die sorgfältige Bearbeitung dieser schwierigen Frage 
verpflichtet umsomehr zu Dank, als das Problem seit jener Zeit nicht 
wieder bearbeitet wurde und somit eben infolge der erwähnten Differenz 
zwischen den Angaben Exners und Kunkels ein ungelöstes blieb. — Aufser
        

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