Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
G. Schneider: Die Zahl im grundlegenden Rechenunterricht. Entstehung, Entwickelung und Veranschaulichung derselben unter Bezugnahme auf die physiologische Psychologie. Schiller-Ziehen 3 (7), 86 S. 1900
Person:
Weiss
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32957/2/
Litera turbericht. 
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hier aus werden im zweiten Theile die im Rechenunterricht gebräuchlichen 
Lehrmittel beurtheilt. Durch Experimente, deren Resultate mitgetheilt 
sind, wird über die Brauchbarkeit dieser Lehrmittel entschieden. 
Die Darstellung im psychologischen Theile ist sehr breit. Die Be¬ 
theiligung der verschiedenen Sinne bei der Bildung des Zahlbegriffes wird 
ausführlich dargestellt, dabei viel allgemein Bekanntes beigebracht und mit 
Beispielen nicht gekargt, so dafs die Ausführungen einen sehr populären 
Ton gewinnen. Der physikalische Vorgang z. B. beim Sehen und Hören 
wird rekapitulirt und in der die empirische Psychologie eharakterisirenden 
Einleitung das Beispiel angeführt: „Vergleichen wir das Materielle mit 
einem Petschaft und die Aufnahmefähigkeit des Gehirns mit dem Siegellack, 
so wäre die Vorstellung dem auf gedrückten Siegel ähnlich“. An den 
deutschen, französischen und englischen Zahlwörtern wird gelehrt, dafs die 
Zahlen 1—10 die Grundlage unseres gesammten Rechnens bilden u. dgl. m. 
Diese Ausführlichkeit hindert jedoch nicht, dafs gelegentlich falsche De¬ 
finitionen aufgestellt werden. So wird z. B. die Aufgabe der empirischen 
Psychologie darin gesehen, die Functionen des Gehirns zu erforschen, und 
das Ergebnis der Erörterungen über das Entstehen der Zahlen gipfelt in 
der Erklärung, dafs die Zahl „das Verhältnifs der Dinge in Bezug auf ihre 
Menge“ sei. Auch über die These des Verf., dafs die Zahlen ursprünglich 
an den Dingen so unmittelbar ' aufgefafst werden, wie beispielsweise die 
Eigenschaften lang und breit, liefse sich streiten, doch würde eine Discussion 
hierüber den Rahmen dieses Berichtes überschreiten. 
Die praktische Verwendbarkeit der Anschauung und Selbstthätigkeit 
im Anfangsunterrichte im Rechnen ist jedenfalls vom Verf. mit Recht 
betont worden und seine im zweiten Theile erörterten Experimente sind 
einleuchtend und von pädagogischem Interesse. Jedoch wäre dies alles 
auch der Fall ohne die Erörterungen über die Grofshirnrinde und die Sinnes¬ 
organe und ohne den grofsen psychologischen Apparat, den der Verf. auf¬ 
wendet. Selbst ein absoluter Gegner der theoretischen Ausführungen im 
ersten Theil müfste die Verwendung der Anschaulichkeit und die Ex¬ 
perimente des zweiten gelten lassen. Weiss (Grofs-Lichterfelde). 
O. M. Giessler. Die Gemüthsbewegungen und ihre Beherrschung. Leipzig, 
J. A. Barth. 1900. 68 S. 
Unter den üblichen Definitionen der Affecte unterscheidet Verf. 
psychologische, physiologische und psycho-physiologische. Die ersten 
führen die Gemüthsbewegungen entweder auf eine andere seelische Thätig- 
keit zurück (Wolee, Kant und Herbart) oder lassen sie aus Wechsel¬ 
wirkungen zwischen Vorstellungen und Gefühlen hervorgehen (Wundt und 
Stumpf) ; die physiologischen Theorien verlegen den Schwerpunkt ins 
Körperliche (Féré, James, Lange und Ribot), während die psycho-physiolo- 
gischen die Vorgänge in Leib und Seele berücksichtigen (Nahlowsky, 
Lehmann, Ziehen, Rehmke und Külpe). Alle diese Definitionen sind unzu¬ 
reichend, namentlich die physiologischen. Nach des Verf.’s Meinung sind 
die Affecte zunächst dadurch gekennzeichnet, dafs sie im Dienste der Selbst¬ 
erhaltung stehen und in der Irritabilität und Contractilität der niederen
        

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