Bauhaus-Universität Weimar

Gehirn und Seele. 
201 
spriefsliches leisten will, mufs dazu schon alle Kräfte anspannen. 
Nur dahin geht die Meinung, dafs, wer über naturphilosophische 
Fragen zu reden unternimmt, sich unbedingt vorher mit Kant 
abfinden mufs. Für die Seite seines Systems nun, die für den 
Naturforscher zunächst in Frage kommt, scheinen mir grade jene 
beiden Werke von Cohen und Stadler als Führer und Berater 
von unschätzbarem Werte zu sein. Deswegen hatte ich sie schon 
in der allgemeinen Einleitung in meinem Kompendium der 
Physiologie angelegentlich zum Studium empfohlen. Ebenso 
hatte ich schon mehrfach beiläufig in Rezensionen auf die 
Wichtigkeit der KANiischen Philosophie für den Biologen hin¬ 
gewiesen. 
Heut darf ich sagen : Ich trete die Kelter nicht mehr allein. 
Der Physiologe von Uexküll hat jüngst einen Aufsatz ver¬ 
öffentlicht1, in dem er sich rückhaltslos auf den Boden des 
transzendentalen Idealismus stellt. So freudig ich diese Tatsache 
begrüfse, so kann ich doch meine Bedenken gegen die Form 
seiner Darstellung nicht unterdrücken. Es scheint mir dadurch 
die weitere Verbreitung der KANTischen Lehre unter den Biologen 
eher gefährdet als gefördert zu werden. Das zu verhindern 
durch einige ergänzende Aufklärungen war der Grund, der mich 
bewog, die Einleitung breiter auszuführen und sie gesondert von 
als besonderes Glück empfunden, dafs mir sehr früh (im Alter von 15 Jahren 
etwa) in der Bibliothek meines Vaters Kants „Prolegomena zn einer jeden 
künftigen Metaphysik“ in die Hand fielen. Diese Schrift hat damals einen 
gewaltigen unauslöschlichen Eindruck auf mich gemacht, den ich in gleicher 
Weise bei späterer philosophischer Lektüre nicht mehr gefühlt habe. Etwa 
2 oder 3 Jahre später empfand ich plötzlich die müfsige Polle, welche das 
„Ding an sich“ spielt. (Analysis der Empfindungen u. s. w. II. Aufl. Jena 
1900. S. 21.) Wie wenig man im Alter von 15 Jahren reif ist für Kant, 
zeigt, dafs Mach vornehmlich das „Ding an sich“ aus den Prolegomenen 
behalten hat, das für Kant selbst übrigens auch eine recht müfsige Rolle 
spielte. Wenn Mach später dahin gelangt, die Welt in Empfindungen auf¬ 
zulösen und Körper oder Materie und Ich oder Seele nur als zwei ver¬ 
schiedene Empfindungskomplexe, nicht als wirkliche Entgegensetzungen 
aufzufassen, so dürfte hier wahrscheinlich doch noch die frühere Kant- 
lektüre nachgewirkt haben. Wie sehr Machs erkenntnistheoretische An¬ 
sichten der Vertiefung, die sie gerade durch Kant gewinnen könnten, be¬ 
dürftig sind, habe ich an anderer Stelle hervorgehoben (Ceniralbl. f. Physio¬ 
logie, 15 1, S. 27 ff.) 
1 J. von Uexküll : Psychologie und Biologie in ihrer Stellung zur Tier¬ 
seele. Ergebnisse der Physiologie 2. Wiesbaden 1902. Jetzt auch separat 
erschienen: Im Kampf um die Tierseele.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.