Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
H. A. Lorentz: Sichtbare und unsichtbare Bewegungen. Vorträge auf Einladung des Vorstandes des Departements Leiden der Maatschappij tot Nut van 't algemeen im Februar und März 1901 gehalten. Unter Mitwirkung des Verfassers aus dem Holländischen übersetzt von G. Siebert. Mit 40 eingedruckten Abbildungen. 123 S. Braunschweig, Vieweg und Sohn, 1902
Person:
Piper, H.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32882/1/
Litera tarier ick t. 
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Wirkung vorausgehen müsse, tritt Verf. dafür ein, an dessen Stelle den 
Funktionsbegriff zu setzen, der darauf hinausläuft, die Abhängigkeit der 
einzelnen Merkmale einer Erscheinung voneinander zu bestimmen. Es 
bandelt sich also nur darum, für jeden Vorgang Bestimmnngsmittel aufzu¬ 
finden, durch die er eindeutig bestimmt ist. In der Naturwissenschaft 
lassen sich nun tatsächlich, wie Verf. an anderen Stellen ausführlich dar¬ 
getan zu haben glaubt, für jeden Vorgang solche eindeutige Bestimmungs¬ 
stücke nachweisen. Anders steht es — und das ist der Punkt, auf dem es 
hier ankommt — im Bereiche des psychischen Geschehens. Für kein 
psychisches Geschehen, so behauptet der Verf., lassen sich psychische 
Bestimmungsmittel auf finden, die es eindeutig festlegen. Nirgends läfst 
sich eine simultane Abhängigkeit geistiger Werte voneinander nachweisen. 
Keine Empfindung, keine Wahrnehmung wird eindeutig durch eine andere 
bestimmt. Auch eine sukzessive Abhängigkeit der psychischen Vorgänge 
voneinander besteht nicht, da im psychischen Leben überhaupt keine 
Stetigkeit vorhanden ist. „Das Seelische erweist sich durchgängig als un¬ 
stetig, diskret, mosaikartig.“ 
Somit gibt es auf geistigem Gebiete keine gesetzlichen Zusammen¬ 
hänge zwischen elementaren Bestimmungsmitteln. 
Nun sind wir aber davon überzeugt, dafs auch das geistige Geschehen 
eindeutig verläuft. Bei der Betrachtung aller individuellen und sozialen 
Entwicklung sehen wir feste Zusammenhänge, die in ihrer durch die Er¬ 
ziehung und Vererbung entstandenen Eigenart sich erhalten. Eine solche 
Stabilität komplexer Gebilde ist aber nur möglich, wenn alle ihre Kompo¬ 
nenten völlig eindeutig bestimmt sind. „Alles Denken setzt feste Zu¬ 
sammenhänge voraus: ohne sie gäbe es keine Identität und keinen Zu¬ 
sammenhang.“ Feste Zusammenhänge sind aber nicht möglich, wenn die 
einzelnen Teile, die in den Zusammenhang eingehen, unbestimmt sind, also 
müssen auch die geistigen Vorgänge eindeutig bestimmt sein. 
Verf. gelangt nun von diesen Voraussetzungen aus zu dem Schlüsse, 
der den eigentlichen Kern des Prinzipes des Parallelismus bildet. Können 
psychische Vorgänge durch andere nicht eindeutig bestimmt werden, 
müssen sie aber doch als bestimmt gedacht werden, so wird man zu der 
Annahme geführt, dafs sie insgesamt durch die eindeutig bestimmbaren 
physischen Vorgänge bedingt sind. Jeder psychische Vorgang mufs also 
einem physischen eindeutig zugeordnet werden. Moskiewicz (Breslau). 
H. A. Lorektz. Sichtbare and unsichtbare Bewegungen. Vorträge auf Ein¬ 
ladung des Vorstandes des Departements Leiden der Maatschappij tot 
Nut van 't algemeen im Februar und März 1901 gehalten. Unter Mit¬ 
wirkung des Verfassers aus dem Holländischen übersetzt von G. Siebert. 
Mit 40 eingedruckten Abbildungen. 123 S. Braunschweig, Vieweg und 
Sohn, 1902. 3,00 Mk. 
Der Vortragszyklus gibt in äufserst knapper Darstellung einen Über¬ 
blick über die Gesetze, Prinzipien und Theorien der modernen Physik. 
Unter der Knappheit leidet die Klarheit und Verständlichkeit in keiner 
Weise. Der Verfasser hat es vielmehr verstanden, seine Auseinander¬ 
setzungen in überaus eindringlicher und überzeugender Form zu geben
        

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