Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Gustav Spiller: The Mind of Man. A Text-Book of Psychology. London, Sonnenschein & Co; New York, Macmillan; 1902. XIV u. 552 S.
Person:
Cohn, J.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32880/2/
Literaturbericht. 
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teiltrag hinfällig und es entsteht ein völliger Monismus (cf. bes. § 200, 
S. 370). Dieser Monismus vollendet Bich dadurch, dafs nach Splllbr alle 
Empfindungen bei geeigneter Abschwächung in dieselbe Art unbestimmter 
Empfindungen, die er „Gefühle“ („feelings“) nennt, übergehen. Er sucht 
das durch geeignete Erfahrungen zu beweisen: Man senke die Augenlider, 
bis sie fast geschlossen sind, und sehe so auf ein umgekehrt gehaltenes 
Bild. Infolge des Verschwindens aller Einzelheiten ist dann die Tiefen¬ 
dimension verschwunden und die Dinge werden nirgend oder im Auge 
lokalisiert. Der Fleck („blur“), welcher weder Farbe noch Form oder 
räumliche Beziehung hat, erscheint eher als etwas Gefühltes denn 
als etwas Gesehenes (S. 53.) Wenn man diesen Versuch nachmacht, 
wird man leicht bemerken, dafs infolge der gezwungenen Stellung des 
Augenlids sich krampfartige Zuckungen in diesen einstellen, die das „Ge¬ 
fühlsartige“ an dem Eindruck sind. 
Man erkennt schon hier, dafs Spillbb das Wort „Gefühl“ („feeling“) 
nicht in dem seit Tbtkks und Kant eingebürgerten Sinne gebraucht, der 
auch in England und Frankreich heute als üblich gelten kann. Natürlich 
wird es ihm dann leicht zu beweisen, dafs Lust und Unlust keine Gefühle 
sind. Die Originalität liegt hier also in einer Verwirrung einer der wenigen 
wohl eingeführten Terminologien, die die Psychologie aufweisen kann. 
Übrigens sucht er die Bedeutung von Lust und Unlust herabzudrücken — 
sie seien nur nervöBe Störungen und keineswegs allgemein vorkommende 
Bestandteile des psychischen Geschehens (Kap. VI). Das psychische Ge¬ 
schehen ist vielmehr wesentlich Bedürfnisbefriedigung. Unter diesem Ge¬ 
sichtspunkt wird auch das Denken analysiert. Diese Analyse (Kap. IV) ist 
trotz einer gewissen Einseitigkeit wohl der wertvollste Teil des Buches 
und entschieden sehr beachtenswert. Insbesondere wird der Einfiufs des 
herrschenden Bedürfnisses auf den Gedankenverlauf im Gegensätze zu dem 
gewöhnlichen Assoziationismus betont. Recht gut wird der Anteil der 
fortlaufenden Assoziationen und des herrschenden Zweckes in dem Satze 
formuliert (S. 146): „Was im Denken folgen soll, mufs an irgend einem 
Punkte mit einigen Teilen dessen, was ihm vorangeht, Zusammenhängen, 
während doch die Tatsache seines Folgens nur das Resultat der Existenz 
eines Bedürfnisses ist, das nach Befriedigung verlangt.“ 
Allerdings, auch diese ganze biologisch teleologische Auffassung ist 
keineswegs neu — aber es bleibt nützlich, sie durchzuführen. Nur wird 
dabei sogleich auffallen, wie viel Theorie sich in die „Erfahrung“ mischt 
Mit der „Erfahrung“ nimmt es Sp. überhaupt nicht so genau, wie man es 
nach seinen Ankündigungen glauben möchte. Oder wie ist etwa der Satz, 
den er S. 60 als Überschrift des § 22 aufstellt: „Aufmerksamkeit ist im 
normalen Wachzustand bei allen Menschen zu allen Zeiten quantitativ 
gleich“ durch Erfahrung beweisbar? Sp. führt nur die bekannten Tat- 
Bachen an, dafs Verstärkung der Aufmerksamkeit mit Verengerung ihres 
Umfanges verbunden ist. Aber damit ist doch nicht gesagt, dafs ich nicht 
in frischem Zustand mehr und energischer aufmerksam sein kann als in 
ermüdetem oder dafs gar bei verschiedenen Personen diese Fähigkeit 
gleich entwickelt ist. Wer durch die wirkliche experimentelle Psychologie 
geschult ist, wird überhaupt einen derartigen Satz nicht einmal hypothetisch
        

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