Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
F. da Costa Guimaraens: Le besoin de prier et ses conditions psychologiques. Rev. philos. 54 (10), 391-412. 1902
Person:
Giessler
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32873/1/
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Litcraturbericht. 
selbst Unterschiede der Theorie auf Unterschiede des Erlebens zurück (265). 
Wohin aber kommen wir mit solchen Partikularitäten ? Sie nützen nur, 
wenn bedeutende Persönlichkeiten dahinter stehen oder die Erlebnisse sehr 
fein zergliedert werden. Ferner mufs nun deutlich gezeigt werden, wie 
auf diesem Gebiete vom Einzelnen zum Allgemeinen zu gelangen ist, wie 
die inkommensurable Sondererfahrung zur wissenschaftlichen Erkenntnis 
umzugestalten ist. Das geschieht, meinem Gefühl nach, in dem vorliegen¬ 
den Bande nicht mit der nötigen Durchschlagskraft und teilweise auch ohne 
bewufste Methode. 
Eine ähnliche Schwierigkeit entsteht aus dem Widerstande, den die 
subjektivistische Grundlegung dem Gewinne objektiver Merkmale entgegen¬ 
setzt. R. beginnt damit, dafs er alle Werke der Sprache Dichtungen nennt, 
solange sie ästhetisch aufgefafst werden; auch er mnfs aber auf bleibende 
und gegenständliche Kennzeichen der Poesie gelangen. Der Übergang voll¬ 
zieht sich m. E. nicht kenntlich und sicher genug. Und die Schuld liegt 
nicht in mangelnder Fähigkeit, sondern darin, dafs der Verf. einerseits zu 
abhängig von Schultheorien bleibt, andererseits über Einzeluntersuchungen 
und Notizen den Zusammenhang im grofsen vernachlässigt. Die kritischen 
Auseinandersetzungen mit Fechner (sie folgen der „Vorschule der Ästhetik“ 
bis in Ungeschicklichkeiten der Anordnung) und mit gegenwärtigen 
Forschern verdunkeln sowohl die Eigenart als auch den Fortschritt der 
Gedanken. Mehr als ein Drittel des Buches hätte in gelehrten Zeitschriften 
seine richtige Stelle gehabt. Ich wünschte wohl, der Verf. könnte die noch 
ausstehenden Bände in bücherfreier Einsamkeit und ohne Rücksicht auf 
die Tagesförderungen schreiben. 
Trotz allem ist der Wert dieser „Poetik“ nicht gering. Sie ist, relativ 
betrachtet, die unseren heutigen Bedürfnissen am besten entsprechende, 
und, absolut betrachtet, eine gründliche und besonnene Untersuchung. 
Wenn die Fortführung unter glücklichen Zeichen erfolgt, so wird Roettekess 
Werk ein solches werden, aus dem Psychologen, Ästhetiker und Literar¬ 
historiker gleichmäfsig lernen können. Dbssoib (Berlin). 
F. da Costa Gotharaens. Le besoin de prier et ses conditions psjchologlqoes. 
Rev. philos. 54 (10), 391—412. 1902. 
Das Gebet zu Gott unterscheidet sich vom Bitten im gewöhnlichen 
Leben nur bezüglich des Wesens, an welches das Bitten gerichtet ist. Die 
Art des Betens unterscheidet sich bei den einzelnen Individuen je nach 
ihrem Temperament, Alter, Geschlecht, Rasse, Milieu, Umstände, Erziehung, 
Gewohnheit, Klima, historischer Epoche, Zeit und Ort. Das Beten kommt 
häufiger bei Melancholikern als bei Sanguinikern vor, häufiger in der Jugend 
und im Greisenalter als im mittleren Alter. Die Frauen neigen mehr dazu 
als die Männer. Erziehung und Milieu haben grofsen Einflufs darauf. Die 
Einsamkeit regt besonders dazu an. Im Mittelalter war das Beten häufiger 
als im Altertum und in der neuen Zeit. Die Völker des heifsen Klimas 
haben mehr das Bedürfnis zu beten als die Völker des Nordens. Die 
intellektuelle Kultur wirkt ihm entgegen. Es gibt zur Frömmigkeit neigende 
Familien, bei denen das Bedürfnis zu beten sich vererbt. Besondere Um¬ 
stände, wie z. B. drohende Gefahren, provozieren das Beten.
        

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