Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Sinnesgenüsse und Kunstgenuß. Beiträge zu einer sensualistischen Kunstlehre von Karl Lange, weil. Professor in Kopenhagen. Herausgegeben von Hans Kurella. Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1903. 100 S.
Person:
Guttmann, Alfred
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32851/2/
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Literaturbericht. 
physiologisches Phänomen, aber — und diese Einschränkung ist wichtig —- 
„kein unter allen Umständen physiologisch gleiches Phänomen“, (wie es 
z. B. bei Freude der Fall ist, mit der immer Gefäfserweiterung einhergehtj. 
Als Genufs dagegen bezeichnet Lange, indem er Genufszustände für zum 
grofsen und wesentlichen Teil identisch mit den Gemütsbewegungen anuimmt 
(S. 28, cf. auch Langes Schrift „Über Gemütsbewegungen“) die Stimmung 
die man zu erreichen strebt; und „als Kriterium, ob eine Stimmung für 
jemanden ein Genufs ist, kann man den Umstand betrachten, ob der Be* 
treffende in diese Stimmung zu gelangen sucht“. D. h. also: nichts ist ein 
Genufsmittel an und für sich. (Im Gegensatz dazu kann ein Eindruck, 
der nur auf unsere Intelligenz wirkt, uns kalt lassen, d. h. unser vasomo¬ 
torisches System nicht erregen, ergo uns keinen Genufs verschaffen). 
Von den Affekten, die fast alle Genufs gewähren können, ist die mit 
Gefäfserweiterung verbundene Freude oben erwähnt ; dieselbe physiologische 
Grundlage hat der Zorn, der sich von der Freude wohl nur durch die 
gröfsere Intensität der Gefäfserweiterung und die Steigerung der motorischen 
Innervation unterscheidet. Unter unseren heutigen Kulturverhältnissen 
ist der Genufs des Zorns eingeschränkt, nur wo wir uns ihm ohne Gefahr 
und Reue hingeben können (z. B. bei „gerechter Entrüstung“) empfinden 
wir ihn als Genufs. Viel stärker empfinden das heut noch die wilden 
Völker, vielleicht am stärksten die alten nordischen Völker, z. B. die 
Berserker, auf deren ganze Kultur Lange exemplifiziert. Geringer ist der 
Genufs bei allen mit Gefäfsverengerung (und spastischen Kontraktionen 
der willkürlichen Muskeln) einhergehenden Affekten, als Angst und 
Schrecken, Spannung, Kummer. Aber dafs auch sie Genufs gewähren 
können, besonders wenn es sich um „sympatisclie Angst usw.“ also „Angst 
usw. auf anderer Leute Kosten“ wie bei Kampfspielen, Tierbändigerszenen 
handelt, zeigt die Beliebtheit derartiger Schaustellungen, ferner die Erfolge der 
„Räuberromane“, ja z. T. ist die Wirkung von Kunstwerken wie die von 
E. A. Poe und E. T. A. Hoffmann auch diesem Gefühl zuzuschreiben. Auf 
die eigene Person beziehen sich die mit derartigen Affekten verknüpften 
Genüsse in erster Linie bei allen Spielen, besonders den sogenannten 
„Glücksspielen“, in denen die Spannung eine so grofse Rolle spielt, sodann 
hat für gewisse Menschen die Gefahr eine besondere Anziehungskraft, für 
manche Menschen ist nicht nur die „sanfte Melancholie“ beim Lesen eines 
rührenden Buches, beim Hören rührender Musik, ja sogar der wirkliche 
Kummer eine Quelle des Genusses. So berichtet Ohlensckläger von einem 
Freunde, der immer „unglücklich verliebt“ sein mufste, um in seinen Mufse 
stunden in die „elegische Stimmung, die er so sehr liebte“ zu kommen. (Koch 
charakteristischer erscheinen dem Ref. für diese Art des Genusses die 
Selbstbekenntnisse des Novalis in seinen Tagebüchern.) — Ausführlich be¬ 
spricht Lange die Extase, deren physiologische (vasomotorische) Grundlage 
wahrscheinlich sehr verschieden ist. Ihr Einflufs ist von höchster Bedeutung 
für die Geschichte (besonders der ihr leicht unterliegenden Orientalen), wie 
für die Kulturentwicklung der Menschheit. Derwische, christliche Märtyrer, 
Flagellanten, Stigmatisierte stellen die voll entwickelte Form der Extase dar. 
Aber auch heut in unserem Klima unter zivilisierten Völkern spielt die 
halbentwickelte Form als „Bewunderung“ im täglichen Leben eine be-
        

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