Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Johannes Volkelt: Beiträge zur Analyse des Bewußtseins. 3. Die ästhetischen Gefühle in ihrem Verhältnis zur Vorstellung. Zeitschr. f. Philos. u. philos. Krit. 121 (2), 201-230. 1903
Person:
Cohn
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32614/1/
Literaturbericht. 
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gegen gesetzte Behauptung beruht entweder auf einer Verwechslung der 
Bp&nnungsempfindung in den Muskeln mit dem Gefühl der Willens¬ 
anspannung oder auf der Annahme, dafs jene Spannungsempfindungen be¬ 
sonders lustvoll seien, oder man hält gar Spannungsempfindungen für einen 
Bestandteil der Lust am ästhetischen Objekte. Die dritte Meinung hat im 
Grunde niemand, die zweite ist tatsächlich falsch, denn Muskelempfindungen 
sind entweder indifferent oder unlustvoll, die erste läfst sich von der 
Sprache täuschen und ist im Grunde ebenso verfehlt, als wenn einer den 
Durst nach Rache durch einen Trunk frischen Wassers löschen wollte. 
Gegen alle Varianten der Lehre von der Bedeutung der Organempfindungen 
ist einzuwenden, dafs je intensiver di© ästhetische Einfühlung ist, um so 
mehr meine Körperempfindungen für mich verschwinden. „In Wahrheit 
sind die Empfindungen meines eigenen körperlichen Zustandes in der 
ästhetischen Betrachtung nur da, um für mich ganz und gar nicht da 
zu. sein.“ Cohn (Freiburg i. B.). 
Johannes Volkelt. Beiträge zur Analyse des Biwifstseiis, 3. Die ästhetischen 
Gefühle Ii ihrem Verhältnis zur Vorstellung. Zeitschr. f. Philos, u. philos, 
Erit 121 (2), 201—230. 1903. 
Di© Frage, wie sich die Gefühle beim ästhetischen Anschauen zu den 
Gefühlen des realen Lebens verhalten, ist für die psychologisch© Analyse 
des Kunstgenusses von grofser Wichtigkeit und in letzter Zeit vielfach be¬ 
handelt worden. 8t. Witasek hat {diese Zeitschrift 25,1) eine Lösung dadurch 
geben zu können geglaubt, dafs er sagte, bei der ästhetischen Einfühlung 
handle es sich nicht sowohl um wirklich erlebte Gefühle als vielmehr um 
Gefühlsvorstellungen. Volkelt, den Witasekb Annahme nicht befriedigt, 
nähert sich dem Problem zunächst durch ein© Einteilung der ästhetischen 
Gefühle. Er unterscheidet gegenständliche und persönliche Gefühle. Di© 
persönlichen sind entweder Gefühle der Teilnahme (bei der Tragödie z. B. 
Mitleid, Furcht, aber auch Abneigung gegen die feindlichen Personen etc.) 
oder Zustandsgefühle (Erschütterung, Erhebung, Befreiung etc.), sie sind 
stets reale Gefühle, wie schon E. v. Haktmann mit Recht betont hat. Aber 
auch unter den gegenständlichen Gefühlen, d. h. bei der Einfühlung in den 
künstlerischen Gegenstand, treten wirkliche Gefühle auf, besonders in der 
Lyrik und der Musik, doch auch im Drama und Epos und, wiewohl seltener, 
in Malerei, Plastik und Architektur. Häufig erleben wir hier wirklich die 
Gefühle mit, stellen sie uns nicht nur vor. Wenn K. Lange darauf besteht, 
dafs alle ästhetischen Gefühle nur Gefühlsvorstellungen seien, so verwechselt 
er den Gegensatz: Gefühle, die durch die Wirklichkeit, und Gefühle, di© 
durch den ästhetischen Schein hervor gebracht werden, mit dem ganz 
anderen: wirkliche und nurvorgestellte Gefühle. Auch wenn di© ästhetischen 
Gefühle wirkliche Gefühle sind, spielt bei ihnen di© „Gewifsheit von der 
Bcleinhaftigkeit des Dargestellten“ eine Rolle; diese Gewifsheit ist nicht 
selbständig bewufst, wohnt aber als Element dem Eindruck des Kunstwerk® 
inne (214). Das gilt auch von den persönlichen Gefühlen. Auch das Mit¬ 
leid mit dem tragischen Helden ist von dem Mitleid mit einem ent¬ 
sprechenden Ereignis des Lebens verschieden. All© dies© ästhetischen 
Gefühle sind wirkliche Gefühle, aber es fehlt ihnen das Wirklichkeitsgefühl
        

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