Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Beiträge zur Analyse der Gesichtswahrnehmungen. Vierte Abhandlung: Zur Schätzung der Richtung
Person:
Schumann, F.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32543/2/
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F. Schumann. 
Ich habe diese 'Versuche nun an einer grölseren Anzahl 
von Versuchspersonen nachgeprüft. Alle erkannten bei horn 
zontaler und vertikaler Lage der Linien die eine als die Fort¬ 
setzung der anderen und alle unterlagen bei der schrägen 
Richtung einer Täuschung. Diese Täuschung war jedoch nicht 
bei allen Personen die gleiche ; vielmehr dachten sich die 
einen die Fortsetzung der unteren Linie oberhalb, die anderen 
unterhalb der oberen Lüne. 
Wer von der fundamentalen Bedeutung der Muskelempfin- 
düngen für die Raumwahrnehmung überzeugt ist, wird diese 
Empfindungen natürlich auch zur Erklärung der angeführten 
Täuschung heranzuziehen suchen. Indessen dürfte es wohl 
schwer fallen, mit ihrer Hilfe die Tatsache zu erklären, dafs di© 
Täuschung bei einem Teil der Versuchspersonen .in der einen 
Richtung, bei einem anderen aber in entgegengesetzter Richtung 
auftritt. Dagegen Mit sich eine einfache Erklärung für di© 
beschriebenen Erscheinungen geben, wenn wir von folgender 
Anschauung ausgehen, die vor kurzem Magnus Bmx1 aus¬ 
gesprochen hat, und die ich auch schon seit mehreren Jahren 
in meinen psychologischen Übungen zur Erklärung obiger 
Täuschung herangezogen habe. 
Wollen wir nämlich beurteilen, ob die gedachte Fortfletzmg 
einer Linde einen etwas entfernten Punkt genau trifft oder seit¬ 
wärts von ihm hinläuft, so lassen wir wohl gewöhnlich den Bück 
zuerst die Lüne durchlaufen und suchen dann die Augen in der¬ 
selben Richtung weiter zu drehen. Dabei fassen wir aie Punkte, 
über die der Blickpunkt bei dieser Bewegung gleitet, als in der 
Fortsetzung der unteren Lüne legend auf und lokalisieren 
natürlich dementsprechend aie Punkte seitlich, die rieh seitlich 
vom Fixationspunkt abbilden. Ist diese Anschauung richtig, so 
würde die obige Täuschung darauf zurückzuführen sein, dafs wir 
den Blickpunkt zwar dann richtig in der gewünschten üm© 
weiter zu bewegen vermögen, wenn es sich um die horizontale 
oder vertikale Richtung handelt, dafs aber bei allen schrägen 
Richtungen unwillkürliche Abweichungen der Augen eintreten, 
die bei manchen Versuchspersonen nach der einen Seite and 
bei den anderen nach der entgegengesetzten Seite stattfinden. 
Um diese Erklärung sicher zu Stelen, müfste gezeigt werden, 
1 Skandinavisches Archiv f. Physiologie IS, S. 191 ff.
        

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