Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Binswanger: Die Hysterie (Nothnagels Spezielle Pathologie und Therapie XII. Bd., I. Hälfte, II. Abteilung) 954 S. Wien, Alfred Hölder. 1904
Person:
Spielmeyer
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32533/1/
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Liltraturbrricht. 
des Gegensatzes, der zwischen den Anhängern der Willensfreiheit and 
des Determinismus besteht, darf nicht überschätzt werden ; es handelt sich 
hier nicht um verschiedene Weltanschauungen oder Lebensregeln, sondern 
um eine verschiedene Auffassung darüber, wie die einzelnen menschlichen 
Handlungen zustande kommen. Allee, was geschieht, unterliegt dem Satz 
vom zureichenden Grund ; das gilt auch von unserem Denken. Der Mensch 
wählt dasjenige, was ihm in der gegebenen Sachlage am richtigsten erscheint, 
auf Grundlage seiner individuellen Eigenart, nicht frei von dieser. Das 
Freiheitsgefühl, welches jede Handlung Unwillkürlich begleitet, ist nur der 
Ausdruck des ungestörten Ablaufs der Willensvorgänge; mit der Wald¬ 
freiheit hat es nichts zu tun. Das gleiche gilt auch von dem Gefühl der 
Reue; es findet sich auch bei Geisteskranken, denen doch dis Willens¬ 
freiheit gerade fehlen soll. Der Determinismus vermifst nicht den Schuld¬ 
begriff des geltenden Rechts, sondern er bestätigt und erklärt ihn. Der 
Determinismus erkennt auch die weiteren strafrechtlichen Grundbegriffe 
der Zurechnungsfähigkeit und Vergeltungsstrafe an; ja, gerade er glaubt 
allein diese Begriffe befriedigend erklären zu können. 
Ekhst Schultz« (Greifcwald). 
Bisswahobb. Die Hysterie (Nothnaqzls Spezielle Pathologie und Therapie 
XII. Bd., I. Hälfte, II. Abteilung) 9Ö4 S. Wien, Alfred Holder. 19(M. 
Preis 22 M. 
In dieser umfassenden Monographie der Hysterie ist das Hauptgewicht 
auf eine erschöpfende Symptomatologie dieser Erkrankung gelegt; aus 
der Fülle des in der Literatur niedergelegten Materials (das leider nicht 
in einem speziellen Literaturverzeichnis zusammengestellt ist) und aus der 
grofsen Erfahrung des Autors ist in lückenloser Vollständigkeit alles zu¬ 
sammengetragen, was den gegenwärtigen Besitzstand unserer Kenntnisse 
von den Erscheinungsweisen der Hysterie ausmacht 
Auf Grund dieser Ergebnisse ätiologisch-klinischer und klinisch- 
symptomatologischer Untersuchungen und zugleich unter Verwertung der 
experimentell - psychologischen Forschungen der letzten DezenUien wird in 
einem besonderen Kapitel der Versuch unternommen, die pathologischen 
Vorgänge bei der Hysterie unter psycho - physiologischen Gesichtspunkten 
zu betrachten und so die wesentlichsten Bausteine zu einer psycho- 
genetischen Begründung der Hysterie zusammenzufügen. — Dieser Ab¬ 
schnitt des grofsen Werkes: „Allgemeine Psychopathologie der 
Hysterie“ dürfte hier am meisten interessieren; ich möchte auf ihn 
deshalb besonders hinweisen. 
Die Grundlagen der gesamten hysterischen Krankheitsäufserungen, 
das Wesen der „hysterischen Veränderung“ ist in pathologischen 
Verschiebungen der kortikalen Dynamik zu Buchen, in „Störungen des 
Gleichgewichtes zwischen den erregenden und hemmenden Vorgängen 
innerhalb der Zentrainervensubstanz“. Darin ist die Hysterie den beiden 
anderen grofsen Neurosen, der Epilepsie und der Neurasthenie, verwandt. 
Was die hysterische Veränderung aber speziell auszeichnet, dafis ist die 
hohe Beeinflufsbarkeit aller Innervationsvorgänge durch psychische Ein-
        

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