Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
R. Baerwald: Beobachtungsgabe. W. Reins Encyklopädisches Handbuch der Pädagogik. 2. Auflage. S. 515-532. 1903
Person:
Giessler
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32495/2/
Literaturbericht. 
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das Gedächtnis dabei zur Geltung, nämlich dann, wenn die zu vergleichenden 
Eindrücke durch eine l&ngere Zeit getrennt sind. Sehr wertvoll ist der 
Besitz einer Anzahl treuer Markierungspunkte innerhalb der Wahrnehmungs¬ 
reihen der einzelnen Sinne, sofern die Einordnung eines neuen Eindruckes 
alsdann um so besser gelingt. — Was zweitens die analysierende Be¬ 
obachtungsgabe betrifft, so könnte man dieselbe mit der Tätigkeit eines 
Scheinwerfers vergleichen, der ein Gebäude sukzessive beleuchtet. Sie 
bildet überwiegend ein Akt des Wollens und beruht auf dem Interesse an 
der AuJsenwelt. Die meisten Menschen gelangen gar nicht zu einer Analyse, 
sondern bleiben beim Gesamteindruck stehen. Der analysierenden Be¬ 
obachtung erwächst aus einer Fülle von Vorbegriffen eine ganz besondere 
Hilfe. Letztere werden bei jedem Suchen und Anpassen sogleich mobil. 
Jene Vorbegriffe stärken auch das Wahrnehmungsinteresse. Wird durch 
eine spezielle Beschäftigung däs Beobachtungsinteresse erhöht, so kann 
sich dies auch auf anderen Gebieten betätigen. Auch das Vergleichen 
vermag vorübergehend eine gröfsere Feinheit der Wahrnehmungsanalyse 
zu bewirken. Schliefslich kommt auch die Fähigkeit, das Wesentliche vom 
Unwesentlichen zu unterscheiden in Betracht: Die Ideen werden nicht nach 
jenem zufälligen Stärkeverhältnis ungeordnet, in welchem Wahrnehmung 
und Assoziation sie dem Geiste zuführt, sondern die wichtigeren werden 
in den Vordergrund gerückt. Rousseau gab zuerst den Anstois zu einer 
methodischen Erziehung der sinnlichen Unterscheidungsfähigkeit. Pestalozzi 
wollte von den Elementen ausgehend in dieser Beziehung einen lückenlosen 
Lehrgang verfolgen. So z. B. brachte sein Unterricht den Schülern zunächst 
Ausmessungsformen. Letztere sollten Orientierungspunkte innerhalb der 
flielzenden Reihe der Lageverhältnisse bilden, von denen das schätzende 
Auge seinen Anfang nehmen könnte. Als Urform aller Lageverbältnisse 
galt dem Pestalozzi das Quadrat. Nach Hebe art dagegen ißt es das Dreieck. 
Doch beging letzterer den Fehler, dais er alle Einzelheiten der analysierenden 
Beobachtung auf Dreiecke zurückführen wollte, und dafs er dabei das 
materielle Element der Gesichtswahrnehmung, die Farbe übersah. Erst bei 
Fsöbbl spielt die Farbe eine Rolle. 
Es fragt sich, ob die Ausbildung der schätzenden Beobachtungsgabe 
sich lohnt. Für das Leben der meisten Menschen reicht offenbar die uns 
eigene sinnliche UnterBcheidungsfähigkeit aus. Eine Ausnahme davon 
bilden einige Künste, wie die Kunst des Musikers, Zeichners, Malers, Arztes, 
Schützen usw. Die Vorbildung für diese Künste gehört schon dem Schul¬ 
unterrichte und der Kindererziehung an, in Form von Gesangsunterricht, 
Gerwerfen, Fuis- und Handball, Zeichnen usw. 
Da die analysierende Beobachtungsgabe auf den apperzipierenden Vor- 
begriffen und dem daraus resultierenden Spezialinteresse an gewissen 
Wahrnehmungsgebieten beruht, so kann auch nur eine Schulung dieser 
Beobachtungsgabe für spezielle Anschauungsgebiete stattfinden. Verf. will 
den Anschauungsunterricht, wie er in der Volksschule getrieben wird 
— das Anschauen der Natur — nicht mehr rückhaltslos anerkennen. Des¬ 
gleichen ist es nach Verf. verfehlt, die Beobachtungsgabe an den sprach¬ 
lichen Formen zu üben. Der Gebildete braucht die analysierende Be¬ 
obachtungsgabe vor allem für 3 Objekte: für Menschen, Natur und Kunst.
        

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