Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
R. Baerwald: Beobachtungsgabe. W. Reins Encyklopädisches Handbuch der Pädagogik. 2. Auflage. S. 515-532. 1903
Person:
Giessler
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32495/1/
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Literaturbericht. 
mitsprechen kann. Der Roman kann von den Bekenntnissen, Eindrücken 
und Reflexionen des Autors nicht leben, wohl aber die Lyrik. Alle Kunst 
strebt nach vollster Subjektivität, sobald aber das Ziel erscheint, kehrt sie 
plötzlich am und verlangt nach objektiven Stützen. Dies geschieht aus 
Mitteilungsbedürfnis an andere. Es bleibt nicht bei dem einfachen und 
bequemen Ausströmenlassen der Lebenskraft, bei dem rohen Vonsichgeben 
des Überflusses, sondern die brachliegende Gabe wird in den Dienst der 
Menschheit gestellt. Immer mufs der Künstler von einem idealen Pnblikum 
mindestens trüumen, das ihn recht verstehen und würdigen könnte. Voll¬ 
kommene Kunst ist der Ausdruck vollster Subjektivität in der Gestalt vollster 
Objektivität. Der Künstler verteilt an jede Person ein Stück seines eigenen 
Selbst. Welcher Person gibt aber der Dichter Recht? Was meint er selbst? 
Jedenfalls wird er einer bestimmten unter den Personen mehrere Züge von 
seinem Selbst, von seinem Erlebten und „Anempfundenen“ verleihen, wobei 
die Anempfindung ein noch unverarbeitetes Erlebnis darstellt. Beide 
Elemente, Wirklichkeit und Phantasie, sind für das Zustandekommen des 
Kunstwerkes unentbehrlich. Meist übertreibt, potenziert sich der Künstler 
in seiner Hauptperson. Auch das Privatleben des Künstlers dürfte bis au 
einem gewissen Grade in Betracht kommen. Zwar ist in den seltensten 
Fällen der Künstler größer als sein Werk. Warum daher nach der Person 
des Künstlers fragen ? 1 Und doch erst durch die Kenntnis der Entstehunga¬ 
bedingungen eines Werkes vermögen wir dasselbe richtig zu würdigen. 
Die Unsicherheit in der künstlerischen Beurteilung eines Werkes kann 
sich verlieren, wenn man aus einer Biographie des Künstlers ersieht, 
welches Erlebnis und welche Stimmung der künstlerischen Vision zu¬ 
grunde lagen. Gissslss (Erfurt). 
R. (Up.kv Beobachtungsgabe. W. Reins Encyklopädisches Handbuch 
der Pädagogik. 2. Auflage. S. 515—532. 1903. 
Wie es für den Psychologen interessant sein dürfte, sich von Zeit zu 
Zeit über die Verwertung seiner Lehren in der Pädagogik zu informieren, 
so ist für den Pädagogen die Betrachtung seiner Diszipline im Lichte der 
fortschreitenden Psychologie insofern erspriefslich, als er dadurch leicht 
auf bestehende Mängel und neue Erfordernisse aufmerksam wird. Der 
vorliegende Aufsatz behandelt eine kompliziertere seelische Erscheinung, 
deren Ausbildung zu den unerläßlichsten Bedingungen aller Geistesbildung 
gehört, die Beobachtungsgabe. 
Unter Beobachtungsgabe versteht man einerseits die Feinheit und 
Unterscheidungsfähigkeit der Sinne als „schätzende“ Beobachtungsgabe, 
andererseits die „analysierende“, wobei das Individuum sein Objekt nicht 
als ungegliederte Masse auf sich wirken läßt, sondern es in seine Bestand¬ 
teile zerlegt auffaßt. Die psychologischen Bedingungen der schätzenden 
Beobachtungsgabe sind Feinheit der Organe selbst und Übung derselben. 
Von entschiedenem Einfluß auf die Genauigkeit der Schätzung ist der 
Aufmerksamkeitsgrad. Wenn wir achtlos sehen und hören, halten wir vieles 
für gleich und identisch, was wir bei scharfem Aufmerken wohl unter¬ 
scheiden. Auch die Vitalität d. h. das Quantum der vorhandenen Nerven- 
energie, genauer der Grad der Ermüdung spielt eine Rolle. Ferner kommt
        

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