Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
E. Platzhoff-Lejeune: Werk und Persönlichkeit. Minden i. W., Bruns. 1903. 246 S.
Person:
Giessler
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32494/3/
Literaturberich t. 
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die Gesinnung mitspielt. Der Prophet redet, aber er handelt nicht. Er ver¬ 
kündet eine kommende Umwandlung, aber er tut nichts, um sie aufzuhalten 
oder zu beschleunigen. Während der Prophet vom Kommenden spricht, 
redet der Apostel von einem schon geschehenen freudigen Ereignis, das 
sich in Zukunft in herrlicher Falle auswirken soll. Beim Reformator ist 
sowohl der Moment als auch die Art seines Eingreifens in den Verlauf der 
Dinge ungleich freier und persönlicher als beim Propheten und Apostel. 
Seine Leistung wird durch seine gröfsere Unabhängigkeit von Autoritäten 
nnd durch sein vielseitiges Wirken zu einem viel persönlicheren. 
Der Begriff des Gelehrten dürfte mit dem des Historikers zu identi¬ 
fizieren sein. Sein Beruf beschränkt sich auf die Verlebendigung des Ver¬ 
gangenen. Wo der Gelehrte es anders treibt, ist er entweder Techniker 
oder Entdecker. Auch beim objektivsten Arbeiten ist der persönliche 
Faktor nicht ganz auszuschalten. 
Der metaphysiche Philosoph begreift die bekannten Tatsachen als 
Folgen eines Prinzips, das er postnliert oder hinzudenkt, indem er in den 
anmittelbar gegenwärtigen Ereignissen Winke und Spuren ffir künftige Ge¬ 
staltung findet, die er in grofsen Linien zu ziehen nicht unterlassen kann. 
Immerhin »t der subjektive Charakter jeder Spekulation unbestritten. Der 
Metaphysiker strebt danach, seiner Persönlichkeit einen vollkommenen Aus¬ 
druck zu verschaffen und doch dabei im Namen der Gesamtheit zu reden. 
Mit Aufwendung der ganzen Subjektivität wird eine zur höchsten Objektivität 
sich erhebende Leistung gewagt Der Philosoph soll uns seine Lehren mög¬ 
lichst Vorleben, mindestens ihre Durchführbarkeit als möglich dartun. 
Der Künstler ist ein Schaffender, aber kein absolut Schaffender. 
Denn er mute sich an die Wahrheit halten. Er unterscheidet sich von 
gewöhnlichen Sterblichen dadurch, dafs er die Fähigkeit besitzt, seine ihm 
allein eigentümliche Auffassung der Aufsenwelt zu objektivieren. Auch 
seine Fabelwesen lehnen an Bekanntes an. Jedenfalls offenbart eich die 
Persönlichkeit reichlich in den Werken des Künstlers. — Was speziell die 
Musik betrifft, so strebt sie gegenwärtig danach, die Subjektivität etwas zu 
mildern. Die Programm - Musik verrät das Bestreben, an die Stelle der 
fortwährenden Schilderung eigener Empfindungen fremde Empfindungen 
zu setzen. Dabei zwingt uns aber der Musiker, die Dinge so zu empfinden, 
wie er sie empfand. Im Chore und im Liede ist das objektive Moment 
am stärksten. — Der Dichter will nur Persönliches geben. Er ist in seinen 
Beruf um so tiefer eingedrungen, je mehr er es gibt. Eine Abstufung der 
Dichtarten nach ihrem Persönlichkeitsgehalt hätten wir in der Reihe: 
Drama, EpoB, Roman, Lyrik. Im Drama kommt der Dichter überhaupt 
nicht, in der Lyrik kommt er allein zu Worte, im Epos und Roman redet 
er mit hinein. Das Drama ist darum noch keine unpersönliche Gattung, 
denn die Wahl von Zeit und Ort, der Konflikt, das Geschlecht der Haupt¬ 
helden, ihr Charakter ist der freien Wahl des Dichters überlassen. Sind 
die Dinge aber erst im Gange, so wird das Eingreifen des Dichters immer 
schwieriger und zuletzt unmöglich. Immerhin verkleidet sich der Drama¬ 
tiker in eine seiner Personen, welche seine geheimsten Neigungen und 
Eigenschaften mehr inkarniert als andere. Der Stoff der Epen entstammt 
meist einer früheren Epoche, so dals die Persönlichkeit des Dichters nicht
        

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