Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
E. Platzhoff-Lejeune: Werk und Persönlichkeit. Minden i. W., Bruns. 1903. 246 S.
Person:
Giessler
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32494/2/
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Literaturberieht. 
geht das Individuum hervor, „das, nachdem es den Tatbestand sich an¬ 
geeignet hat, aus einer ihm eigentflmlichen rätselhaften Kraft rar Um¬ 
bildung des MilieuB schreitet und als Revolutionär der stets konservativen, 
der Gefahr des Vegetierens ausgesetsten Masse neues Blut zuführt. Hat 
es somit die Potentialit&t der Masse zur Aktualität, erst fQr sich, dann für 
sie fortgebildet, so ist seine Rolle ausgespielt, und die nun auf einem 
anderen, vielleicht höherem Niveau befindliche Gesamtheit Obernimmt 
ihrerseits wieder die Kulturaufgabe in der Pflege und Verwertung der von 
einzelnen ihr geschenkten Güter. Aus der Wirkung wird sie zur Ursache, 
bis ein neues Individuum ihrem Schofse entwächst“. „Eine Beschleunigung 
dieses Rhythmus nennen wir eine geistesmächtige Zeit, seine Überhastung 
eine Revolution, seine Verlangsamung eine Reaktion.“ 
Der Entdecker und Erfinder schauen beide ahnend etwas voraus. 
Das Werk des Entdeckers ist damit schon zu Ende. Der Erfinder dagegen 
mufs ahnend diejenigen allen genugsam bekannten Elemente so auswähien 
und zusammenfügen, dafs sich neue Wirkungen ergeben. Selbst wenn das 
Werk vollendet ist, bleiben ihm weitere Verbesserungen unbenommen. 
Das Werk des Entdeckers und Erfinders hängt nicht unmittelbar an seiner 
Persönlichkeit. Auch andere hätten dasselbe leisten können. Immerhin 
ist die Leistung des Erfinders die persönlichere. So hat auch die Bekannt¬ 
schaft mit dem Lebensschicksale der Persönlichkeit selbst für die Kenntnis¬ 
nahme des Werkes keinen Wert. 
Den Erfinder kann man sich allein, den Entdecker von einer Schar 
Gleichwollender umgeben denken. Der Eroberer dagegen bedarf einer 
Menschenmasse, auf die er erst schulend und vorbereitend wirken muls, 
ehe er sie als Werkzeug gebrauchen kann. Die Werke des Eroberers be¬ 
deuten besondere Konzentrationen, mühevolle Anstrengungen, dem Ich die 
bestmögliche Leistung abzugewinnen. Die grolsen Eroberer haben direkt 
durch ihre Werke, indirekt durch den Schrecken, den sie erregten, gewirkt 
Der Staatsmann hat mit dem Feldherrn viel Gemeinsames. Beide 
wollen das Gegebene erhalten und vergröfsern, freilich mit ganz ver¬ 
schiedenen Mitteln. Das Werk des Staatsmannes hat vor den Über¬ 
raschungen des Augenblicks nicht soviel zu fürchten, er ist weit weniger 
genötigt, schwerwiegende Entscheidungen sich von einem Moment diktieren 
zu lassen. Auch bleibt ihm immer Zeit zum Handeln. Während aber Feld¬ 
herr und Eroberer Zerstörer sind, ist der Staatsmann ein grofser Erhalter. 
Das Werk des Staatsmanns verrät quantitativ vielleicht weniger Persönliches 
als das des Feldherrn. Doch verbirgt ersterer seine persönliche Stellung 
nur, so dafs sie für den Blick der Menschen unsichtbar wird. 
Der Fürst ist ein Wirkender ohne Werk. In dem fürstlichen 
Wirkenden erkennen wir die denkbarste Veräufserlichung des Persönlichkeits¬ 
begriffes. Es fehlt ihm eine scharf zu umgrenzende Leistung. Seine Auf¬ 
gabe erstreckt sich vorherrschend auf die Wahrung des Herkommens und 
den Gebrauch seiner Vollmachten. Sein Beruf verbietet dem Fürsten eine 
persönlichere Betätigung im tieferen 8inne des Wortes. 
Prophet, Apostel und Reformator sind Leugner des Bestehenden: 
der erste verkündet das Neue, der zweite vollbringt es im fremden Auf¬ 
träge, der dritte schafft es aus eigener Kraft. Allen gemeinsam ist, dafs
        

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