Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Georg Meyer: Die wissenschaftlichen Grundlagen der Graphologie. Jena, Fischer. 1901. 81 S. Mit 31 Tafeln
Person:
Klages
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32478/3/
Literaturbericht. 
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ihr, soweit eie standhält, die Basis der „wissenschaftlichen Grandlage“. — 
Von diesem Gesichtspunkte will das Werk beurteilt sein. 
Verf. beginnt mit einer kurzen Kennzeichnung des Unterschiedes von 
Handlungen und Auedrueksbewegungen. Diesen gebühre als psycho- 
diagnoetiBchen Symptomen der Vorrang. Die Schreibbewegung sei eine 
Kombination aus beiden und gehöre mithin zur „Physiognomie des Hand. ‘ 
Schriftenurhebers“. Sie biete gegentlber anderen physiognomisch deutbaren 
Bewegungserscheinungen des Menschen den Vorteil, dafs sie sich in der 
Handschrift fixiert. Deshalb müsse „gerade von dieser Seite der am meisten 
Erfolg versprechende Angriffspunkt für das ebenso schwierige wie inter¬ 
essante und wichtige Gebiet der Bewegungsphysiognomik gesucht werden“. 
Es folgt die ZnrQckweisung der wichtigsten Ein wände, welche man 
gegen die Abhängigkeit handschriftlicher von Eigenschaften des Charakters 
vorgebracht hat. Die bekannten Experimente zur Ausschaltung des schreiben- - 
den Organs werden um ein sehr handliches vermehrt. Meyer liefe sechs 
Wochen hindurch mehrere Personen „Faustschrift“ schreiben (wobei der 
Sehreibgriffel von der geballten Faust umspannt ist). Der Erfolg entsprach 
der Erwartung: mit wachsender Übung näherte sich die Schrift der gewöhn- ' 
lieben Handschrift, „ein Zeichen dafür, dafs die anfänglichen Abweichungen 
nur Folgen der Unbeholfen heit waren“. Was aber für die feinen Fingèr- 
bewegungen gilt, dafs sie nämlich auf die Schriftgestalt keinerlei wesent¬ 
lichen Einflufs üben — date gilt prinzipiell vom schreibenden Organ über¬ 
haupt: die Handschrift ist Gehirnschrift. 
Den Kern des Buches bilden die wichtigsten Erklärungsprinzipien 
der Graphologie. 
8ofern die Handschrift als Sichtbarkeit unwillkürlicher Be¬ 
wegungen erscheint, werden ihre Merkmale auf doppelte Weise aus der 
Funktionspbysiognomie des Schrifturhebers verständlich: entweder nämlich 
als die besondere Form allgemeiner Bewegungsgewohnheiten oder als die 
besondere Wirkung deT sog. latenten Innervationen. 
Das erste Prinzip läfst sich gut erläutern an jener Lebhaftigkeit, 
welche unbewufst alle Hantierungen des sanguinischen, eifrigen, beweg¬ 
lichen Menschen modifiziert. Beim Schreiben wird sie vor allem eine 
Steigerung der Geschwindigkeit nach eich ziehen, woraus Abkurvung der 
Ecken, „fliefsender“ Duktus und Ausweitung der Schrift in horizontaler 
Richtung hervorgeht. — Um solche mehr deduktiv gewonnenen Vor¬ 
stellungen zu bewahrheiten, kann man entweder die Handschriften aus¬ 
geprägt lebhafter mit denjenigen phlegmatischer Personen vergleichen oder 
aber feststellen, welche Veränderungen die Schriftzüge ein und der¬ 
selben Person in Gemütszuständen erfährt, die eine gesteigerte (bzw. 
herabgesetzte) Lebhaftigkeit aller Funktionen mit sich bringen. Die letztere, 
induktiv strengste Methode demonstriert Meyer am Schriftmaterial Geistes¬ 
kranker, „welches die sonst nur mehr oder weniger angedeuteten Eigen¬ 
arten gewissermafsen in hypertrophischer Ausprägung zeigt“. 
Dergestalt findet er unter anderem das aus allgemeineren Erwägungen 
feststehende Ergebnis bestätigt, dafs Exaltationszustände einher¬ 
gehen mit Steige rnng.Depressionszustände mit Herabsetzung
        

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