Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
L. W. Stern: Angewandte Psychologie. Beiträge zur Psychologie der Aussage. Herausg. von Stern. (1), 4-45. 1903
Person:
Wreschner, Arthur
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32447/1/
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Literaturbericht. 
L. W. Stebn. Algewaidt« Psychologie. Beiträge eur Psychologie der Aussage. 
Herausg. von Stkbk. (1), 4—46. 1903. 
Die angewandte Psychologie hat gegen die „Intuitiven“ wie gegen 
die „Psychologisten“ zu kämpfen. Jene sind die zahlreicheren und 
lassen die Psychologie höchstens als die intuitive Gabe, sich in anders 
Menschenseelen verständnisvoll einzufühlen, gelten. Und doch muDs diese 
Gabe durch eine wissenschaftliche Psychologie vertieft und gelautert werden, 
was bis jetzt allerdings noch nicht in bestimmten Daten möglich ist Dies 
gilt nicht nur für Pädagogen und Juristen, sondern auch für die Historiker, 
Sprachforscher, kurz alle Geisteswissenschaftler. Nach den Psychologisten 
dagegen ist die Psychologie nicht nur die Grundlage aller Geisteswissen- 
schaft, sondern auch aller praktischen Kultur, soweit sie sich mit Seelen¬ 
leben befafst; zu ihnen gehören Meinono, Lipps, in gewissem Sinne auch 
Mach und Wundt, zuweilen auch Pädagogen und Kriminalpsychologen ; den 
entgegengesetzten Standpunkt vertreten Münstbbbbbo, Rickbbt, in gewisser 
Beziehung auch Dilthbt, James, B. Erdmann. Nach des Verls Meinung 
übersieht der Psychologismus, dafs die Psychologie als Wissenschaft das 
Seelenleben unter dem Gesichtswinkel der indifferenten sachlichen Ob- 
jektivation, der Analyse und der Allgemeingültigkeit betrachtet, also von 
der persönlichen Wertung, wie von der persönlichen Einheit und Indivi¬ 
dualität abstrahiert; in der praktischen Kultur dagegen, wie Erziehung, 
Rechtsprechung und Krankenbehandlung hat das geistige Dasein gerade 
als Person unter Personen Bedeutung, hierin unterscheidet sich wesentlich 
die Anwendung der Physik und Chemie von der der Psychologie. Grund¬ 
lage der Geisteskultur kann also nur die Ethik sein, da die Psychologie 
nur sagen kann, wie gewollt wird, nicht, wie gewollt werden soll, oder wie 
Vorstellungen sich verknüpfen, nicht, wie sie zum Zwecke der Erkenntnis 
verknüpft werden müssen. Daher sind dem Psychologen Verbrechernaturen, 
Täuschungen besonders wertvoll, während sie der Ethiker und Logiker 
bedauert. Ebenso verflüchtigt der Psychologe in seiner Weltfremdheit, wie 
sie sich aus der analytischen und isolierenden Tätigkeit mit alleiniger 
Berücksichtigung deB Allgemeinen ergibt, alle Individualität und Einheit, 
während der Historiker gerade die Entwicklung eines persönlichen oder 
nationalen Geisteslebens zum Ziele hat, der Pädagoge und Richter es mit 
der einheitlichen Individualität zu tun hat, um sie intuitiv nicht diskursiv 
zu erfassen; dies soll nicht etwa durch eine Theorie oder ein begriffliches 
Schema beseitigt oder ersetzt, aber durch Wissen und Kennen erweitert
        

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