Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
P. Bergmann: Sociale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage und mit Hülfe der inductiven Methode als universalistische oder Kulturpädagogik dargestellt. Gera, Hofmann, 1900. 615 S
Person:
Schiller
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32339/1/
Literaturbericht. 
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schwankend, ein sicherer Maafsstab fehlt bisher. Meist laufen Intellect 
und Moral einander parallel, doch nicht immer; ersterer unterstützt letztere; 
letztere geht daher als das psychogenetisch spätere Gebilde eher verloren. 
Eine streng wissenschaftliche Messung des sog. Charakters des Menschen 
ist zur Zeit unmöglich, wird es wahrscheinlich immer bleiben. 
Die dritte Frage betrifft die Unterbringung geisteskranker Verbrecher. 
Umpeenbach. 
J. M. Baldwin. Das sociale und sittliche Leben erklärt durch die seelische 
Entwickelung. Nach der zweiten englischen Auflage übersetzt von 
Dr. Ruedemann. Durchgesehen und mit einem Vorwort eingeleitet von 
Dr. Paul Barth. Leipzig, Barth, 1900. 461 S. Mk. 12.—. 
Nachdem die erste Auflage des Werkes bereits in dieser Zeitschrift 
besprochen erscheint, wäre eine nochmalige Inhaltsangabe überflüssig, und 
es sei daher auf das diesbezügliche, von P. Barth verfafste Referat (19 
(2. u. 3.), 239) hingewiesen. 
Die Herausgabe des BALDWiN’.schen Werkes in mustergültiger deutscher 
Uebersetzung ist jedenfalls ein verdienstliches Unternehmen. In dieser 
Form ist das Buch auch einem gröfseren Kreise von Lesern, die sich mit 
den Gedanken Baldwin’s vertraut machen wollen, zugänglich. 
Saxinger (Linz). 
P. Bergemann. Sociale Pädagogik auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage 
und mit Hülfe der inductiven Methode als universalistische oder Kultur¬ 
pädagogik dargestellt. Gera, Hofmann, 1900. 615 S. Geb. 11,60 Mk. 
Socialpädagogik, Culturpädagogik — neue Namen, ob auch neue Dinge? 
Klingt es doch beinahe, als wäre die bisherige Pädagogik unsocial und 
unculturell gewesen, und Bergemann ist wohl im Stillen auch davon über¬ 
zeugt. Denn er stellt sieh die ideale und hohe Aufgabe, das gesammte 
Leben eines Volkes zu versittlichen, womit doch wohl gesagt sein will, dafs 
es bisher nicht so gewesen sei, sondern dafs man sich nur einzelnen 
Theilen oder einzelnen Seiten dieses Lebens zugewandt habe. Er denkt 
dabei hauptsächlich daran, dafs die Pädagogik sich in der Regel nur mit 
den Unerwachsenen befasse, die Socialpädagogik aber auch über die Schule 
hinaus mit den Erwachsenen. Des Pudels Kern liegt aber anderswo. Ein¬ 
mal ist es in unserer socialistischen Literatur aus den Verhältnissen er¬ 
wachsene Sitte, für die Massen gegen die Besitzenden und Gebildeten 
einzutreten; dazu lenkte der Einflufs der collectivistisch - positivistischen 
Philosophie Condovcet’s und Comte’s, sowie ihrer Schüler, durch Darwin’s 
Lehren verstärkt, ebenfalls die Geschichte und andere Wissenschaften in 
die Bahnen der Massenbewegung und des Generischen gegen das Indivi¬ 
dualistische. Bourreau bestritt bekanntlich, dafs man ein Recht habe, von 
„führenden Geistern“ zu reden, und wollte nur eine führende Massen¬ 
bewegung anerkennen, deren Erzeugnisse auch eben diese sogen, führenden 
Geister seien. Bergemann gehört dieser Richtung an; doch zieht er die 
äufsersten Consequenzen nicht. So wird das „Genie“ nicht gänzlich 
eliminirt, „aber in allen den Stücken, wo das Genie nicht Genie ist“ — 
kurz vorher tadelt B. die „verschwommene Allgemeinheit“ an den Definitionen 
Zeitschrift für Psychologie 27. 29
        

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