Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
L. Löwenfeld: Der Hypnotismus. Handbuch der Lehre von der Hypnose und der Suggestion mit besonderer Berücksichtigung ihrer Bedeutung für Medicin und Rechtspflege. Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1901. 522 S
Person:
Schultze, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32330/3/
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Literaturbericht 
Zwei ausführliche Capitel sind der Bedeutung der Suggestion und 
Hypnose für die Medicin und die Rechtspflege gewidmet, auf die an dieser 
Stelle nicht eingegangen zu werden braucht, da sie eben vorwiegend den 
Praktiker und den Sachverständigen interessiren. 
An dieser Stelle kommt mehr die Bedeutung des Hypnotismus für die 
Psychologie in Betracht, die von den verschiedenen Autoren eine recht 
verschiedene Beurtheilung erfährt. Indes mufs man doch zugeben, dafis 
durch den Hypnotismus die Psychologie nicht nur um ein neues Capitel 
bereichert ist, sondern auch unsere Erkenntnifs in den verschiedenen 
psychologischen Gebieten erheblich gefördert wurde. Hinsichtlich der 
normalen Psychologie haben wir mannigfache Aufklärung erhalten über die 
Sinnespsychologie, in der Lehre von der Willensthätigkeit, vom Gedächtnis, 
von den un- oder unterbewufsten psychischen Thätigkeiten, sowie in der 
Kenntnifs von den körperlichen Wirkungen seelischer Zustände. Noch 
fruchtbarer wirkte der Hypnotismus auf die pathologische Psychologie, in¬ 
dem er das Verständnifs anbahnte für den autosuggestiven Ursprung zahl¬ 
reicher hysterischer und anderer nervöser Symptome. Letzthin ist von 
Vogt die Anwendung der directen psychologischen Experimentalmethode 
in gewissen hypnotischen Zuständen empfohlen worden, und die bereits 
erzielten Resultate lassen noch manche bedeutsame Förderung erhoffen. 
Schliefslich haben auch unsere Ansichten über Massen- und Völker¬ 
psychologie aus der Lehre der Suggestion und der Hypnose reichen Nutzen 
gezogen. Warum freilich die Massenpsyche, wenn wir die Masse als eine 
geistiger Thätigkeit fähige Einheit betrachten, in der Regel suggestibler ist 
als die Einzelpsyche, kann bisher noch nicht befriedigend erklärt werden. 
Verf. legt grofsen Werth auf die Art der Suggestion. Die Suggestion der 
Massen sei keine allgemein gesteigerte, sagt Verf. ; sie gehe nur in gewissen 
Richtungen über die Durchschnittssuggestibilität der sie bildenden Einzel¬ 
individuen hinaus; sie sei mit anderen Worten im Wesentlichen electiver 
Natur. So zeigen, um das an einem Beispiele darzuthun, die Conservativen 
in der Regel für die socialistischen Eingebungen nicht die geringste 
Empfänglichkeit und umgekehrt. In Versammlungen wird die geistige 
Persönlichkeit der einzelnen Theilnehmer eingeschränkt, und dem¬ 
entsprechend ihr geistiger Horizont eingeengt; weiter wirken mit Vor¬ 
eingenommenheit, die Gemüthsverfassung, der Mangel des Gefühls persön¬ 
licher Verantwortlichkeit, die Nachahmungssucht. Kurz und prägnant 
werden Erscheinungen der Massensuggestion auf religiösem, politischem, 
wirthschaftliehern Gebiete, auf dem der Mode, Literatur und Kunst skizzirt 
Das dürfte genügen, um den Beweis zu erbringen, dafs Verf. das Ziel 
erreicht hat, welches ihm bei der Abfassung der vorliegenden Arbeit vor 
Augen schwebte, nämlich eine möglichst vollständige Darstellung des That- 
sächlichen und WTissenswerthen auf dem Gebiete des Hypnotismus zu geben. 
In der That fehlte es uns an einer dem derzeitigen Stande der Wissen¬ 
schaft entsprechenden Darstellung, und Verf. war mit seiner reichen Er¬ 
fahrung sicherlich der Berufene, diese Lücke auszufüllen. Die Form der 
Darstellung ist anregend', d\e nwd. Beobachtungen anderer 
Autoren weiden \>erdeVe\e\v\\gt. nnd Vv\NÀ&<2n
        

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