Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
L. Löwenfeld: Der Hypnotismus. Handbuch der Lehre von der Hypnose und der Suggestion mit besonderer Berücksichtigung ihrer Bedeutung für Medicin und Rechtspflege. Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1901. 522 S
Person:
Schultze, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit32330/2/
Literaturbericht. 
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somatischen Erscheinungen der normalen Hypnose abgehandelt ; besonders 
lesenswerth werden für die Leser dieser Zeitschrift die Ausführungen über 
Empfindungsstörungen, Hallucinationen und negative Hallucinationen sein, 
welch’ letztere Verf. „selective Anästhesie“ zu benennen vorschlägt. 
Den Erscheinungen der normalen Hypnose stehen gegenüber die der 
pathologischen Hypnose, die im Grofsen und Ganzen als Mischformen 
von Hypnose und hysterischen Zuständen aufgefafst werden können. 
Natürlich giebt es fliefsende Uebergänge zwischen normalen und patho¬ 
logischen Hypnosen wie die hypnotischen Zustände, in deren Verlauf som¬ 
nambule Träume auftraten. 
Von besonderem Interesse sind auch für den Laien die posthypnoti¬ 
schen Erscheinungen und hier vor Allem die mit längerer Verfallzeit 
(suggestion à échéance). Seine Ausführungen belegt Verf. mit einer Reihe 
von zum Theil geradezu frappanten, fremden und eigenen Beobachtungen. 
Das Experiment gelang hierbei, auch wenn die Verfallzeit Monate dauerte, 
und die suggerirte Handlung noch so fremd und eigenartig war. In einem 
mitgetheilten Falle realisirte sich die Eingebung genau nach 4335 Min., wie 
suggeriert war. 
Die weiteren Capitel über aufsergewöhnliche Erscheinungen des 
Somnambulismus und der Hypnose verwandte Zustände können wir hier 
füglich übergehen, da die vom Verf. geschriebene und das gleiche Thema 
behandelnde Arbeit „Somnambulismus und Spiritismus“ bereits früher hier 
eine eingehende Besprechung erfahren hat. Er weist hierbei besonders 
scharf die Meinung zurück, als ob die Hypnose eine Art von arteficiell er¬ 
zeugter Psychose sei; gegen eine Gleichstellung mit der Demenz spreche 
die Möglichkeit geistiger Thätigkeit und das Verhalten des Gedächtnisses; 
von der Verrücktheit unterscheide sich die Hypnose dadurch, dafs wahn¬ 
hafte Vorstellungen bei ihr nach Belieben erzeugt und beeinflufst werden 
können. Die gesteigerte Suggestibilität ist das Hauptcharakteristicum 
hypnotischer Zustände, und die finden wir nur bei wenigen Geistes¬ 
störungen und auch da nur in beschränktem Maafse. 
Wie schon oben bemerkt ist,, fafst Verf. die Hypnose als eine Form 
partiellen Schlafs auf. Er nimmt dementsprechend auch an, dafs ihr die 
gleichen physiologischen Veränderungen in dem functionellen Verhalten 
der corticalen Elemente zu Grunde liegen wie dem natürlichen Schlafe. 
Nun giebt es eine Reihe von Schlaftheorien. Wie Verf. aber ausführt, 
kann nun die Annahme zutreffen, dafs für das Einschlafen ein Zustand 
corticaler Anämie erforderlich ist, der gegenüber die Ermüdung eine weniger 
wichtige Rolle spielt. Sehr wahrscheinlich wird jene Schlafanämie des 
Gehirns durch Erregung eines vasomotorischen Centrums in der Medulla 
oblongata, dem Schlafcentrum Vogt’s, zu Stande kommen. Bei der Hypnose 
durch verbale Suggestion werden die dem Einschlafen vorhergehenden Vor¬ 
stellungen erweckt, und diese erregen in Folge eines erworbenen func¬ 
tionellen Connexes jenes vasomotorische Centrum. Eintönige Reize rufen 
Ermüdung und damit Schlafvorstellung hervor. Mit dieser Auffassung 
lassen sich die drei Hauptphänomene auf psychischem Gebiete, die Ein¬ 
schränkung der associativen Thätigkeit, die Herabsetzung der Willensenergie 
und die erhöhte Suggestibilität, erklären.
        

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