Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität. Herausgegeben im Namen des wissenschaftlich-humanitären Komitees von Dr. med. M. Hirschfeld. VI. Jahrgang. Leipzig, Max Spohr. 1904. 744 S.
Person:
Guttmann
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit31969/1/
Literaturbericht. 
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die er für die absolut sichere und hauptsächliche Grundlage der Beurteilung 
von Wehoegbbs Geisteszustand erklärt, in denen dieser glaubt „das psycho¬ 
logische Problem des Geschlechtsgegensatzes gelöst und eine abschließende 
Antwort auf die sogenannte Frauenfrage gegeben zu haben: eine völlig 
phrasenfreie, biB zum letzten Ende menschlichen Wissens geführte Er¬ 
forschung des Wesens der Frau und die Erhöhung der Streitfrage auf ein 
Niveau, auf dem die bisherigen Erörterungen sich nicht bewegt haben“. 
Pbobst folgt Wbikibqebs Ausführungen, sie fortgesetzt zitierend, kommen¬ 
tierend, widerlegend; er zeigt, dafs Wbiniegbbs „Entdeckungen“ der beiden 
Idealtypen (des absoluten Mannes = M, des absoluten Weibes = W) und 
der sexuellen Zwischenstufen (die die Norm bedeuten würden) durchaus 
nicht originell waren, dafs Weinikgeb vielmehr eine Menge (besonders 
Moebius) gelesen hatte und — bestenfalls! — nicht mehr wufste, was sein 
eigener Gedanke, was Erinnerung war.1 Viel wichtiger sei aber, dafs die 
Schlüsse, die Weininghr aus diesen Gedanken ziehe, pathologisch seien. Es 
folgt eine Darlegung des Systems der WEramoEBschen „Philosophie“: der 
Hauptfehler liegt nach Pbobst erstens darin, dafs Welntsger als Tatsachen 
hinstelle, was er erst beweisen müfste und davon ausgehend zu den kühnsten 
Schlüssen komme, daß er aber zweitens, wie Moebius sagt, „dadurch zu 
sachlichen Kenntnissen zu kommen suche, dafs er ohne Rücksicht auf die 
Erfahrung verallgemeinere und das, was bedingungsweße gilt, für bedingungs¬ 
los erkläre“. Die aprioristische Annahme von größter Tragweite, die dem 
Buch zugrunde liege, habe eben schon vor der Durchführung der Arbeit 
bestanden. Im einzelnen muß das natürlich im Original nachgelesen werden. 
Ebenso die Begründung der psychiatrischen Diagnose: „Hysterie mit ex¬ 
quisit manisch-depressivem Charakter bei einem sogenannten Dégénéré 
supérieur“, die neuerdings (wie die ganze PsoBsische Broschüre) von Helrach 
scharf angegriffen worden kt. Probst plädiert zum Schluß dafür, Weimnger 
nicht von literarischem Standpunkt aus zu bekämpfen oder gar zu ver¬ 
achten, sondern den Unglücklichen, dessen glänzende Begabung von einem 
schweren Schicksal zum Wahnsinn geführt wurde, zu bedauern. 
Guttmamn (Berlin). 
Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der 
Homosexualität. Herausgegeben im Namen des wissenschaftlich-humani¬ 
tären Komitees von Dr. med. M. Hibschpeld. VI. Jahrgang. Leipzig, Max 
Spohr. 1904. 744 S. 
Eine ausführliche Besprechung des VI. Jahrbuches kann der Referent 
wohl unterlassen, nachdem er Zweck und Ziele der Herausgeber in den 
letzten Bänden dieser Zeitschrift wiederholt genauer besprochen hat. Der 
neueste Band, glücklicherweise erheblich kürzer als die früheren Jahres¬ 
berichte, bringt wieder zahlreiche Beweisstücke, die dem Kampfe gegen 
die jetzige Gestaltung des § 176 dienen. Es scheint sich auch nun eine 
stärkere Strömung — wenigstens unter den Gebildeten — geltend zu 
machen, die zur Aufhebung bzw. Änderung dieses Unglücksparagraphen 
1 Vergl. das Referat über das „Jahrbuch f. sex. Zwischenst.“ (diese Zeitschr. 
36, Heft I/Il), wo dieselbe Theorie von Hibschfeld entwickelt wird.
        

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