Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
A. Baer: Der Selbstmord im kindlichen Lebensalter. Eine social-hygienische Studie. Leipzig, Georg Thieme, 1901. 84 S
Person:
Schultze, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit31939/2/
Literaturbericht 
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andere Beweggründe und Ursachen zu Grunde liegen, wie dem Selbstmorde 
der Erwachsenen. 
Hinsichtlich der Ursachen des Selbstmordes mufs man zwei Gruppen 
unterscheiden, solche, welche aus den Lebensbedingungen des ganzen Ge¬ 
sellschaftsorganismus hervorgehen, und solche, welche in den besonderen 
Verhältnissen der Einzelnen gelegen sind. Begreiflicherweise werden uns 
beim Kinderselbstmorde die letzteren mehr interessiren, wenn wir uns 
auch die Schwierigkeit des Nachweises des wirklichen Beweggrundes in 
jedem einzelnen Falle nicht verhehlen dürfen. 
Von den individuellen Momenten erörtert Verf. den Einflufs der 
Geistesstörung, der minderwerthigen Organisation, der Abstammung und 
Vererbung und des krankhaften Affects. Man wird seiner Annahme 
sicherlich beipflichten, dafs Geistesstörung bei Kindern in einer noch 
gröfseren Zahl zum Selbstmorde führt als bei Erwachsenen, und diese An¬ 
nahme trifft auch für die ungleich verbreitetere psychopathische Minder- 
werthigkeit zu. Der Einflufs des Alkohols in der Ascendenz verdient eine 
eingehendere Prüfung und Würdigung, als bisher geschehen ist. Meist ist 
der Selbstmord das Ergebnifs eines krankhaft gesteigerten, schmerzhaften 
Unlustaffects. Bei 936 Selbstmorden im Kindesalter aus den Jahren 1884 
bis 1898 werden in 76 Fällen Geisteskrankheit, in 78 Fällen Zustände von 
einer lang andauernden depressiven Wirkung, in 410 Fällen acuter Affect 
(Scham, Reue, Gewissensbisse, Aerger) als Motiv angeführt; und sicherlich 
wird noch mancher der Fälle mit unbekannten Gründen hierzu gehören. 
Von den außerhalb des Individuums gelegenen Ursachen erörtert Verf. 
zunächst die Einwirkung der weiteren Umgebung. Die meisten Selbstmorde 
hat die Provinz Sachsen, die wenigsten die Provinz Posen zu verzeichnen. 
Industrie und Dichtigkeit der Bevölkerung sind aber hierbei nicht aus¬ 
schlaggebend; und ebensowenig spielt die gewerbliche Beschäftigung der 
Kinder selbst hierbei eine Rolle. Die Annahme, dafs gerade in den Grofs- 
städten die Zahl der Selbstmorde auffällig grofs sei, trifft nicht zu. 
Von ungleich größerer Bedeutung sind die Einwirkungen der engeren 
Umgebung, welche die Erziehung des Kindes ausmachen und vornehmlich 
von der Familie und der Schule ausgehen. Ein Ueberwiegen der Selbst¬ 
morde in den verschiedenen Classen der Bevölkerung läfst sich nicht nach- 
weisen. Nur wird die Art der Ursachen und Motive in den armen und 
reichen Gesellschaftskreisen eine andere sein: dort schlechte Ernährung, 
Hunger, Mifshandlung, Fehlen einer geordneten Erziehung und des 
Familienlebens, Verwahrlosung, Ueberanstrengung bei der Arbeit; hier 
Wohlleben, Ueppigkeit, frühzeitige Gewöhnung an für das Kindesalter 
nicht bestimmte Genüsse, unzweckmäfsige Erziehung, einseitige Berück¬ 
sichtigung der Entwickelung des Verstandes bei Vernachlässigung der Ent¬ 
faltung des Gemüths. Beiden gemeinsam ist die Ausbildung einer Früh¬ 
reife, die zur Ursache vielen Uebels wird. 
Es liegt sicherlich sehr nahe, die Schule mit dem Selbstmorde in 
ursächlichen Zusammenhang zu bringen, und besonders wird die moderne 
Schule mit der fast übergrofsen Menge des Lehrstoffs und der Ueberbürdung 
angeschuldigt. Das ist aber nicht berechtigt. Höchstens kann die Schule 
eine Mitursache sein. Die wesentliche wirkliche Ursache für die Ueber-
        

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