Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
P. J. Möbius: Stachylogie. Weitere vermischte Aufsätze. Leipzig, J. A. Barth, 1901. 219 S
Person:
Schultze, Ernst
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit31881/1/
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Literaturbericht. 
.Schwelle aber, mittelbare und unmittelbare Reproduction und die Weiter¬ 
bildung und eine erhebliche Klärung des Begriffes Apperception ihm allein 
verdankt, lehnt sie aufs entschiedenste seine Verstellungs-Mechanik und 
-Dynamik ab. Aehnlicherweise bringt Herbabt in der Lehre von den Ge¬ 
fühlen manche glückliche und werthvolle Beobachtung, in der theoretischen 
Deutung und Herleitung der Gefühle und Affecte jedoch kann ihm die 
moderne Psychologie nicht folgen. Der letzte Abschnitt endlich ist Herbabt'* 
Willenslehre gewidmet, in der manch ein bedeutender Grundsatz der 
modernen Psychologie schon zur Geltung gekommen ist. Abschliefeend 
kennzeichnet Z. nochmal die Unterschiede, welche trotz vielfacher lieber- 
einstimmung in wichtigen Punkten die beiden Richtungen trennen. Dabei 
kann Ref. freilich nicht verhehlen, dafs seines Erachtens Verf. den Werth 
der Physiologie, von ihrem noch unbefriedigenden Stand ganz abgesehen, 
für die Psychologie etwas überschätzt, die Thatsache aber, dafs die physio- 
logischerseits beobachteten Vorgänge ihre Deutung doch erst erhalten durch 
die Psychologie, nicht hinreichend würdigt. Mit dem sehr beachtenswerthen 
Hinweis, dafs auch die grofsen Verdienste Herbart’s um die Pädagogik 
kein Grund sein können, seine Psychologie der modernen vorzuziehen, ein¬ 
fach deshalb weil sich sein pädagogisches System auch mit den letzteren 
recht gut in Einklang bringen läfst, schliefst diese werthvolle, zum gegen¬ 
seitigen Verständnifs nicht wenig beitragende Untersuchung. 
Offner (München). 
P. J. Möbius. Stachyologle. Weitere vermischte Aüf&ätie. Leipzig, J. A. Barth, 
1901. 219 S. 
Die vorliegende „Aehrenlese“ der wie immer anregend geschriebenen 
Aufsätze widmet Verf. dem Andenken Fechner’s zu seinem demnächstigen 
100 jährigen Geburtstage. Ein Theil der Aufsätze liegt aufserhalb des 
Rahmens der vorliegenden Zeitschrift; andere wie z. B. der über Entartung 
ist bereits hier referirt. Folgendes möge daher genügen. 
Dafs dem Psychiater mit so viel Mifetrauen begegnet wird, liegt nach 
Verf. unter Anderem daran, dafs er sich zu sehr für sich, fern von der 
Welt hält. Der Psychiater sollte vielmehr sein Reich ausdehnen und auf 
Eroberungen ausziehen; er sollte die Literaturbetrachtung in den Kreia 
seiner Arbeit ziehen und vor Allem weniger die Minderwerthigen als viel¬ 
mehr die Mehrwerthigen studiren, um so unser Wissen von den Talenten, 
ihrer Abhängigkeit von der Organisation des Individuums, von dem Ein¬ 
flüsse der Vererbung etc. aufzuklären. Das ist der Inhalt seiner Aus¬ 
führungen über „Psychiatrie und Literaturgeschichte“. 
Wie sehr die Psychiatrie geeignet ist, uns über das Wesen von Persön- 
lichkeiten aufzuklären, das hat M. selbst mit seiner bekannten Arbeit be¬ 
wiesen, die die Krankengeschichte Rousseau’s betrifft, von seinen anderen 
Studien gar nicht zu reden. Hier („Ueber J. J. Rousseau’s Jugend“) berichtet 
er des Genaueren über Rousseau’s Jugend, und beweist damit, dafs seine 
spätere Paranoia, der wir seine Bekenntnisse verdanken, nur der Ausdruck 
der ererbten Entartung war. Die Art und Weise, wie Rousseau seine 
Jugend zubrachte, ebnete den Boden für die spätere Paranoia, aber sie 
schuf auch die Eigenartigkeit seiner Persönlichkeit.
        

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