Bauhaus-Universität Weimar

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Literaturbericht. 
ständigen Richtung angehören, andererseits, weil sie für dasjenige Psychische, 
das auf den Körper zu wirken im Stande sei, das Bewußtsein halten, 
während dies selbst völlig inactiv ist. Die leider nirgend klar heran* 
gearbeitete Anschauung H.’s selbst glaube ich so verstanden zu haben, 
dafs er Parallelismus annimmt zwischen Bewufstseinsinhalten und materiellen 
Vorgängen, ihn aber nicht als letztes Weltgesetz, sondern nur als phäno¬ 
menale Folge einer indirecten Causalität auffafst. In director Wechsel¬ 
wirkung stehen nämlich nur die einander übergeordneten unbewufsten 
Thätigkeiten des Ich und seiner Theilindividuen (der Zelle u. s. w.) So 
wirken die physiologischen Reize auf die einheitliche Thätigkeit des Ich, 
welche darauf dann wieder mit den Acten des Auffassens oder des Willens 
antwortet und auf seine ihm untergeordnete Theilindividuen einwirkt 
Da das letzte Capitel (die Bilanz der modernen Psychologie) schon 
oben Besprechung fand, so habe ich den Bericht nur noch durch die Be¬ 
merkung zu vervollständigen, dafs ein chronologisches und ein alphabetisches 
Autorenverzeichnifs, sowie ein Sachregister das Buch beschließt. — 
E. v. H. ist trotz seiner Fruchtbarkeit und trotz des zeitweisen starken 
literarischen Erfolges seiner Philosophie des Unbewufsten bßher auf die 
wissenschaftliche Arbeit der Zeit ohne großen Einfluß geblieben. Allein 
er hat nicht so Unrecht, wenn er mit einem gewissen Triumphgefühl 
darauf hinweist (S. 117), daß manche Punkte, um derentwillen er seiner¬ 
zeit verlacht und bekämpft worden ist, jetzt nach Jahrzehnten von anderen 
Seiten her in die wissenschaftliche Betrachtung Eingang gefunden haben. 
Daß Pflanzen beseelt seien, daß man den niederen Himtheilen und dem 
Rückenmark, ja auch den Molecülen und Atomen in irgend welcher Weise 
Bewußtsein zuschreiben könne, gilt heute längst nicht mehr als absurd 
In der Physik steht gegen den Materialismus ein Dynamismus, in der 
Biologie gegen den Mechanismus eine immer stärker anschwellende teleolo¬ 
gische Richtung auf, und der Parallelismus wird hart bedrängt — Stellung¬ 
nahmen, die H. in der That schon vor drei Jahrzehnten vertreten hatte. 
So wird H. sicherlich für alle diejenigen, welche, wie der Ref., glauben, 
dafs die Weltanschauung der kommenden Zeit eine anti- oder sagen vir 
lieber eine hyper-mechanistische sein wird, als ein früher und einsamer 
Verkünder zu gelten haben. Und so bin ich denn auch überzeugt, daß 
die Psychologie auf ihrem Zukunftswege davon so manchen Nutzen ziehen 
wird, daß E. v. H. sich entschlossen hat, in ihre Discussionen einzugreifen. 
Er that es hier kritisch und seine Kritik wird in vielen Punkten fracht- 
tragend sein; aber sie wird erst ihre Wirkung ganz zeigen können, wenn 
H. — ich wiederhole den Wunsch hier nochmals — seine eigene psycho¬ 
logische Lehre, statt sie durch die Kritik nur durchschimmern zu lassen, 
zu einer zusammenhängenden positiven Darstellung gestalten wird. — 
Wenn H. bisher speciell innerhalb der Psychologie mit seinen früheren 
Schriften, deren Inhalt doch an so vielen Stellen zu ihr Beziehung hat, 
wenig Beachtung gefunden hat, so liegt dies allerdings, ganz abgesehen 
von der metaphysikfeindlichen und mechanistischen Richtung der jüngsten 
Vergangenheit, an einem schweren Grundmangel der H.’schen Philosophie: 
an einem gewissen Wortcultus. An nur allzu vielen Stellen glaubt er 
durch Anwendung schwer dahinfließender Termini die Erklärung bestreiten
        

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