Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
K. Bonhoeffer: Ein Beitrag zur Kenntniß des großstädtischen Bettel- und Vagabondenthums. Eine psychiatrische Untersuchung. Berlin, J. Guttentag, 1900
Person:
Trüper
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit31546/1/
Li ter a turberich t. 
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umfassendem Blicke die eben erwähnten Probleme, und wir können nur 
wünschen, dafs die Ausführungen auf fruchtbaren Boden fallen mögen. 
Obgleich die Schrift durchaus auf der Höhe medicinischer und psychi¬ 
atrischer Wissenschaft steht, so geht doch das Eine daraus hervor, dafs 
für die Erforschung der pathologischen Kindesnatur noch eine aufser- 
ordentliche Arbeit für die Psychologie übrig bleibt. Wenn Schulärzte und 
Lehrer noch eine gemeinsame Arbeit von zwei Jahren gebrauchen, um den 
Geisteszustand eines abnormen KindeB einigermaafsen sicher festzustellen, 
so zeigt das, dafs bei allen gelehrten psychologischen Untersuchungs¬ 
methoden für das nothwendigste praktische Bedürfnifs noch nicht allzuviel 
abgefallen ist. Es ist darum angezeigt, bei dieser Gelegenheit gerade an 
diesem Orte auf diese Lücke hinzuweisen, dafs wir neben der Schärfung 
und Specialisirung der psychologischen Untersuchungsmethode auch auf 
deren Vereinfachung zum Zwecke der Brauchbarkeit für praktische Be¬ 
dürfnisse sinnen müssen. Trüper (Jena). 
K. Bokhoepfer. Ein Beitrag znr Keantnifs des großstädtischen Bettel- and 
Tagabondenthnm8. Eine psychiatrische Untersuchung. Berlin, J. Gutter, tag, 
1900. 
Es wird behauptet, dafs unlängst die Verwaltungsbehörde einer 
deutschen Universität einen Lehrstuhl für physiologische und experi¬ 
mentelle Psychologie nicht für nothwendig gehalten habe und darum die 
Errichtung eines solchen ablehnte. Die Psychiatrie ist doch im Grunde 
nur die Anwendung physiologisch-psychologischer Kenntnisse auf patho¬ 
logische Zustände, mufs also ohne Psychologie ihre eigene Psychologie des 
Normalen nebenbei ausbilden, der darum naturgemäfs an wissenschaftlicher 
Durchbildung Manches fehlen mufs. Dennoch aber verdanken wir der 
Psychiatrie aufserordentlich viel für die Förderung der psychologischen 
Forschung. Manche Psychiater haben ihren Ruf als Psychologen erlangt. 
Auch die Pädagogik mufs ohne sorgfältige physio-psychologische Grundlage 
ins Blaue hinein arbeiten. Da von den juristischen Verwaltungsbehörden 
aufserdem die Nothwendigkeit der pädagogischen Lehrstühle an den 
deutschen Universitäten erst in allerjüngster Zeit hier und da eingesehen 
worden und sie darum im Allgemeinen noch als Autodidactin durchs 
wissenschaftliche Leben wandern mufs, so liegt auf der Hand, dafs der 
pädagogischen Psychologie noch weit mehr fehlen wird. Aber auch die 
Jurisprudenz und namentlich die Criminalistik waltet ohne sorgfältige 
psychologische Grundlage nicht ihres Amtes, wie sie es im Interesse ihres 
Auftraggebers, der Gesellschaft, sollte. Das Urtheil, das sie in den ein¬ 
zelnen Fällen fällt, kann nur ein gerechtes sein, wenn das psychologische 
Verständnifs für die betreffenden Fälle und vor Allem auch die Genesis 
dieses psychopathologischen Zustandes, welchen man Rechtsbruch nennt, 
aach zuverlässiger Methode erklärt werden kann. Namentlich aber greift 
die Criminalistik im Strafvollzüge fehl, weil die pädagogische Wirkung der 
Strafe auf die Psyche des Rechtsverbrechers nicht selten wegen mangel¬ 
hafter Psychologie falsch gew'erthet wird. Der ganze Strafprocefs kostet 
dann der Gesellschaft viel und nützt wenig oder nichts. Mir erzählte ein-
        

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