Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aus den Llanos: Schilderung einer naturwissenschaftlichen Reise nach Venezuela
Person:
Sachs, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit31/76/
Arriero, der nach Caräcas zog. Sie waren wirklich Meister in ihrer 
Kunst; je länger ich ihnen zuhörte, desto mehr wuchs mein Er¬ 
staunen über das Talent, welches hier, wenn auch in rohester und 
urwüchsigster Form, sich kundgab. Text und Melodie werden, meist 
der Situation entsprechend, improvisirt; der Unterschied zwischen 
Dur und Moll ist den Leuten wohl bekannt ; der einzige Rythmus 
aber, den sie an wenden, ist der D/s Takt. Eine kleine Harmonie¬ 
folge wird auf der Mandola in Sechszehnteln gespielt und bestän¬ 
dig wiederholt; das Tempo beginnt schon rasch, wird aber g*egen 
den Schluss des Gesanges immer stürmischer. Der Sänger, der 
das Antlitz gen Himmel gekehrt hat, als ob er göttliche Inspira¬ 
tion erwarte, trägt kleine, strophenähnliche Absätze von einigen 
Takten vor und macht dann eine kleine Pause, um seine Poesie 
in Gedanken weiter zu spinnen. Meist stimmen weder Rythmus 
noch Melodie des Gesanges zu der Begleitung, aber gerade da¬ 
durch wird die Monotonie, welche aus dem steten Wiederholen 
der nämlichen Harmoniefolge von Seiten der Begleitung entstehen 
zu müssen scheint, vermieden. In den kühnsten, gewagtesten Mo¬ 
dulationen bewegt sich der Gesang, immer kecker und origineller 
werden die Wendungen, immer stürmischer und leidenschaftlicher 
der Rythmus. Während der Sänger mitten in seiner Strophe be¬ 
griffen ist, fällt plötzlich, wie vom Geiste gepackt, der Andere ein, 
und der sonderbarste Doppelgesang ertönt. 
Ich bedauerte Nichts mehr, als dass ich nicht im Stande war, 
diese merkwürdige, packende Musik aufzunotiren oder dem Ge¬ 
dächtnis einzuprägen. Das Tempo ist so schnell, dass das Ganze 
wie eine wilde Jagd vorbeibraust; nur einzelne kurze Phrasen ver¬ 
mochte ich festzuhalten. 
Mittlerweile hatte der Posadero unser Nachtmahl, aus carne 
frita (in kleine Stücke geschabtes und gebackenes Fleisch) mit 
Reis und gerösteten Platanos bestehend, aufgetragen, und eine 
Karaffe mit spanischem Wein dazugesetzt. Während wir speisten, 
hielten uns die beiden Künstler, durch unser Interesse für ihre 
Leistungen angelockt, einen Extra-Vortrag, wobei der Text mit 
einer Anrede an mich begann und dann, auf meine Situation an¬ 
spielend, den Schmerz zum Thema nahm, den die Eltern und die 
Ouerida (Geliebte) empfinden, wenn sie den Ihrigen in weite Ferne 
ziehen sehen. 
Sachs, Aus den Llanos. 
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