Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aus den Llanos: Schilderung einer naturwissenschaftlichen Reise nach Venezuela
Person:
Sachs, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit31/41/
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in diesen Staaten, trotz der äusserlich republicanischen Formen, 
in Wirklichkeit herrscht. Verfassung und Gesetze sind ganz vor¬ 
trefflich; nur das eine ist zu bedauern, dass sie nicht befolgt wer¬ 
den. Der augenblickliche Machthaber steht über dem Gesetze, 
wie das Fatum über den Göttern; er sagt, wie einst der grosse 
Ludwig, „L’état c’est moi“. Welcher europäische Monarch würde 
wohl im Stande sein, beispielsweise einen Candidaten der Medicin 
von der Prüfung in Anatomie zu dispensiren? 
Dr. Ernst bekleidet die Professuren der beschreibenden Natur¬ 
wissenschaften und der deutschen Sprache. Er ist Gründer und 
Vorsitzender der in Caräcas seit 1867 bestehenden Sociedad de 
ciencias fisicas y naturales, zu deren correspondirendem Mitglied 
ich später während meines Aufenthaltes in Calabozo gewählt 
wurde. Die Sitzungsprotokolle dieser Gesellschaft werden in der 
ersten Zeitung des Landes veröffentlicht; in einem an unerforsch¬ 
ten Naturschätzen so reichen Lande wie Venezuela muss die von 
einer solchen Gesellschaft ausgehende Anregung ohne Zweifel mit 
der Zeit zu nützlichen Resultaten führen. 
In der Universität befindet sich eine kleine Naturaliensamm¬ 
lung, sowie die aus 30000 Bänden bestehende Nationalbibliothek, 
welche, obwohl alte werthlose theologische Werke ein grosses 
Contingent dazu liefern, doch auch vieles Gute enthält und von 
mir während meines Aufenthaltes vielfach benutzt wurde. 
Gegen 8 Uhr verabschiedete ich mich von meinen Wirthen und 
trat den Rückweg nach der Posada an. Ich fand, dass ein Abend¬ 
spaziergang durch die Strassen von Caräcas nicht nur interessant, 
sondern für leicht entzündbare Herzen sogar höchst gefährlich 
sein kann. Ich habe schon erwähnt, dass die Häuser in Caräcas, 
mit Rücksicht auf die häufigen Erdbeben, fast durchweg nur aus 
einem Erdgeschoss bestehen. Sie sind aus Stein erbaut, und ihre 
Bauart ist überall die nämliche; durch die Hauptthür gelangt man 
in einen viereckigen, mit schönen Gewächsen geschmückten Hof¬ 
raum, der rings von einer überdachten Galerie umgeben ist. Die 
Zimmer des Hauses, welche hoch und luftig angelegt sind, münden 
sämmtlich in diese Galerie; die nach hinten gelegenen werden als 
Schlaf- und Wohnräume benutzt, die vorderen Zimmer dagegen 
bilden die eleganten Salons des Hauses. Dem Klima entsprechend 
sind sämmtliche Fenster nicht mit Läden und Glasscheiben, son-
        

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