Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aus den Llanos: Schilderung einer naturwissenschaftlichen Reise nach Venezuela
Person:
Sachs, Carl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit31/254/
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gelbgebleichten Fächerkronen der Palmen hervor. Die Abstände 
der einzelnen Palmstämme entsprachen etwa den Entfernungen 
zwischen den Kiefern oder Tannen eines mässig dichten Nadel¬ 
holzwaldes unserer Zone. Ein spärlicher, vertrockneter Gras¬ 
wuchs bedeckte den Boden; an Unterholz fehlte es vollkommen; 
ebenso mangelten die zahllosen Schlinggewächse, welche sonst 
den tropischen Wald auszeichnen, nach allen Richtungen konnte 
man bequem zwischen den Palmstämmen Vordringen. 
Die ungeheure Massenhaftigkeit, in welcher dieses Gewächs 
auftrat, wohl in Eolge irgend einer chemischen Besonderheit des 
Bodens, machte einen malerischen, erhabenen Eindruck, wiewohl 
die Palma llanera an sich eine der am wenigsten prächtigen 
Palmen ist. Der in gewaltiger Stärke einherbrausende Passat¬ 
wind setzte die vielen Millionen der fächerförmigen Wedel in 
zitternde Bewegung, dass es in allen Kronen geisterhaft säuselte 
und rauschte. Kein anderes Geräusch, kein lebendes Wesen 
störte die Stille dieses Waldes. 
Mit dem höchsten Interesse aber beobachtete ich hier den be¬ 
kannten Würgebaum1) oder Matapalo, der sich die schlanken 
Stämme der Palmen zum Opfer auserkoren hatte. Anfangs zeigte 
sich unter der grossen Menge von Palmen nur hie und da eine, 
welche der tückischen Umarmung verfallen war. Bald aber 
steigerte sich die Zahl der Exemplare, und als wir uns im Herzen 
des Waldes befanden, konnte man überhaupt nur mit Mühe eine 
Palme auffinden, welche nicht vom Matapalo befallen war. Das 
Gewächs soll, wie meine Begleiter versicherten, zuerst als harm¬ 
loser Gast in der Krone der Palme sich ansiedeln, um dann nach 
unten zu wachsen und den gastfreundlichen Wirth auf Leben 
und Tod anzugreifen. Ist dies richtig, so ist es das System der 
Luftwurzeln, welches, allmälich erstarkend, in seiner Vereinigung 
den Stamm bildet, der nachher seine stattliche Krone in die Lüfte 
erhebt. 
In den wunderbarsten, bizarrsten Formen trat dieses Raubthier 
unter den Gewächsen hier auf. In den meisten Fällen steigt es 
unter schlangenartigen Windungen am Stamme seines Opfers auf 
und erhebt seine Krone über der des letzteren, in anderen Fällen 
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P Ficus dendroïca.
        

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