Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
B. Münz: La logique de l'enfant. Rev. philos. Bd. 41. S. 46-54. 1896. No. 7
Person:
Brahn, Max
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit30938/1/
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Litteraturbericht. 
Sie sind unempfindlicher gegen den physischen Schmerz. Im Alter von 
2 oder 3 Jahren vermögen sie die Schmerzempfindung nicht einmal zu 
lokalisieren. 
Nicht allein in ihrem physiologischen, sondern auch in ihrem in¬ 
tellektuellen, affektiven und moralischen Lehen streben die Kinder nach 
Erhaltung des eigenen Ich und darum auch nach grölstmöglicher Spar¬ 
samkeit. In intellektueller Beziehung giebt sich dies schon in der 
Sprache des Kindes kund. Das kleine Kind drückt sich vor allem durch 
Gesten und durch entsprechende Schreie aus. Verneinung, Bejahung 
durch Gesten, Zeigen mit den Fingern, Angabe der Gröfsenverhältnisse 
durch Handbewegungen spielen bei ihm eine grofse Bolle. Auch in der 
Erfindung der onomatopoetischen Sprache, in der Bezeichnung der Objekt© 
durch Töne, welche man an ihnen wahrgenommen hat, sowie in der er¬ 
weiterten Beziehung dieser Nachahmungslaute auch auf Assoziationen 
der ursprünglichen Vorstellung zeigt sich das Streben, möglichst wenig 
Kraft anzuwenden. Überhaupt ist das Kind abstrakten Ideen abhold, es 
bewegt sich ausschliefslich oder vorherrschend in konkreten Vorstel¬ 
lungen. Neuen Vorstellungen widerstrebt es. Es gefällt ihm nicht in 
unbekannten Bäumen, es will eine Geschichte immer in derselben Weise 
wieder erzählt wissen. — Nicht allein intellektuelle Ausgaben scheut das 
Kind, auch solche der Affektivität. Das Kind strebt danach, aus allem 
Vergnügen zu ziehen, seine Vergnügungen nanh Möglichkeit zu ver- 
gröfsern. Der kleinste Winkel wird für ihn zu einer Welt. Ebenso wie 
die Kinder das Freudige ausnutzen, so vermeiden sie das Traurige. Sie 
nehmen nur mechanisch am Schmerze eines Anderen Teil. Sie weinen, 
weil sie weinen hören. Die Affektivität des Kindes ist derartig, dafs sie 
ihm nicht schadet. Es liebt eine Person, eine Sache nur insoweit, als 
Freude und Nutzen daraus zu ziehen ist. Selbst die Eifersucht, welche 
als wirkliche Zuneigung aufgefafst werden könnte, entspringt nur aus 
dem Wunsche, eine Person oder Sache ausschliefslich für sich selbst zu 
haben. — Auch das moralische Leben des Kindes ist dem Gesetze der 
geringsten Anstrengung unterworfen. Es spielt immer mit dem Könige 
und der Königin. Niemand vermag seiner Ansicht nach das, was es 
selbst thut, so gut auszuführen. Es rühmt seine Beichtümer. Es ver-^ 
sucht, sich alles anzueignen, was es sieht. Es will nicht teilen, es be¬ 
hauptet seinen Platz so breit als möglich. Es lügt zu seinen Gunsten- 
Erst allmählich giebt es seine egoistische Moral auf und nimmt die Moral 
der Erwachsenen an. M. Giessler (Erfurt). 
B. Münz. La logique de l’enfant. Bev. philos. Bd. 41. S. 46—54. 1896. 
No. 7. 
Es ist ein Vorurteil, dafs es kein Denken ohne Sprache giebt, das 
Kind verbindet schon logisch Ideen, bevor es überhaupt ein Wort aus^- 
sprechen kann, man kann die Kausalitätsfunktion bei ihm in Thätigkeit 
sehen, bevor es Worte bildet. Diese lernt es dann nicht durch Nachahmung, 
sondern es mufs sich zunächst selbst eine Sprache schaffen. Kann man 
denn dem Kinde überhaupt zeigen, wie es zu sprechen hat, da doch die 
Bewegungen des Kehlkopfes unsichtbar bleiben? Es ahmt gewisse
        

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