Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ernst Meumann: Beiträge zur Psychologie des Zeitbewußtseins. Dritte Abhandlung. Philos. Stud. XII. 2. S. 127-254. 1896
Person:
Stern, W.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit30923/1/
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Litteraturbericht. 
scheinung trete, wenn sich auf der betreifenden Netzhautstelle ein Ob¬ 
jekt abbildet, das die Aufmerksamkeit bes Individuums erregt. Eine 
Störung der Beweglichkeit des Auges bat zur Folge, dafs die gewohnte 
Innervationsgrösse nicht ausreicht, das von der Aufmerksamkeit erfafste 
Objekt auf der Netzhautmitte zur Abbildung zu bringen. Auf diese 
Weise erklärt es sich, dafs bei Augenmuskellähmungen vorbei getastet wird. 
Der dritte Faktor beim Tastversuch ist das tastende Organ, die Hand. 
Sachs sieht von der Existenz eines aus Tastempfindungen aufgebauten 
Tast- oder Fühlraumes ab und nimmt an, dafs wir bestrebt sind, der 
Hand denselben Ort im Gesichtsraume zu geben, welchen das zu tastende 
Objekt einnimmt. Wir haben die Neigung, das Tasten durch den Ge¬ 
sichtssinn zu kontrollieren. Die einzelnen Netzhautpunkte resp. deren 
zentrale Projektion sind in ähnlicherWeise mit dem motorischen Zentrum 
der oberen Extremität verknüpft, wie mit den Bewegungszentren der 
Augenmuskeln nach der oben gegebenen Darstellungsweise. In einem 
Fall von konjugierter Lähmung der Linkswender der Augen mit nor¬ 
malem Gesichtsfelde, den Sachs beobachtete, wurden rechts gelegene Ob¬ 
jekte stets rasch und sicher getastet, während bei Gegenständen, welche 
in die linke Gesichtsfeldhälfte gebracht wurden, nach allen möglichen 
Richtungen, nicht, wie man hätte erwarten können, nur links vorbei¬ 
getastet wurde. Sachs nimmt an, dafs es sich in diesem Falle um eine 
Lähmung der oben angenommenen Assoziationsbahnen auf einer Körper¬ 
seite gehandelt habe. Groenottw (Breslau). 
Ernst Mettmann. Beiträge zur Psychologie des Zeitbewufstseins. Dritte 
Abhandlung. Philos. Stud. XII. 2. S. 127—254. 1896. 
In der vorliegenden Abhandlung fährt Mettmann fort mit der Ver¬ 
öffentlichung seiner zahlreichen, in den letzten Jahren angestellten 
experimentellen Untersuchungen über Zeitschätzung, und zwar beschäftigt 
er sich diesmal mit den Täuschungen des Zeitbewufstseins, die 
beim Abschätzen und Vergleichen verschieden ausgefüllter Zeit" 
strecken auftreten. 
M. meint, „dafs die Schätzung kleinster durch blofse begrenzende 
Beize markierter Zeitintervalle als ein besonderer Fall der Zeitschätzung 
von derjenigen mittlerer und gröfserer Zeitstrecken unterschieden werden 
müsse.“ Im ersteren Falle (bei Zeiten bis zu etwa 0,5 Sekunden) liegt 
mehr eine Auffassung der Successionsgeschwindigkeit der Eindrücke 
selbst, als eine Perzeption der Dauer des zwischen ihnen liegenden 
Intervalls vor. Es ist bei diesen kleinsten Zeiten die Schätzung stark 
von sinnlichen Faktoren beeinflufst, in hohem Grade abhängig von der 
“Art des gewählten Reizes. In den einleitenden Ausführungen beschreibt 
M. eine Reihe hierhergehöriger Täuschungen, von denen als eine der 
frappantesten nur erwähnt sei, „dafs indirekt gesehene Funken von 
grofser Geschwindigkeit der Aufeinanderfolge (0,05—0,3 Sekunden) lang¬ 
samer zu verlaufen scheinen, wie [soll heifsen: als] direkt gesehene.“ 
(S. 181.) 
Der Hauptteil der Arbeit gilt dem Einflufs der Ausfüllung von 
Zeitstrecken auf die Beurteilung ihrer Dauer. Die diesmal geschilderten
        

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